Awka Liwen (Aufstand im Morgengrauen) - Die vergessene Geschichte Argentiniens

Awka Liwen (Aufstand im Morgengrauen) - Die vergessene Geschichte Argentiniens

Filmvorführung und Diskussion

Mit:

Osvaldo Bayer, argentinischer Schriftsteller, Historiker und Journalist  
Kristina Hille, Filmemacherin und Politologin
 
Moderation: Andreas Fanizadeh (taz, Ressortleitung Kultur)

Awka Liwen, ein Dokumentarfilm von Osvaldo Bayer, Mariano Aiello und Kristina Hille, erzählt die Geschichte der indigenen Bevölkerung Argentiniens: eine Geschichte der Feldzüge zur Enteignung von 30 Millionen Hektar fruchtbarsten Landes, der Entstehung nationaler Gründungsmythen und historischer, gesellschaftlicher Kontinuitäten bis heute.

Awka Liwen ist die Geschichte der Feldzüge, Campañas, gegen die indigene Bevölkerung in Argentinien, die im Jahr 1879 mit der sogenannten `Conquista del desierto (Eroberung der Wüste)` ihren Höhepunkt erreichte – bezeichnenderweise beginnend vor allem in den fruchtbarsten Regionen des Landes. Mit dem vorgeschobenen Argument, die „zivilisierte (weiße) Bevölkerung“ in den ländlichen Räumen der Provinzen vor der „Barbarei“ der Überfälle durch indigene Stämme, den sogenannten „Malones“ zu schützen, wurden die Ureinwohner ermordet und ihrer Länder beraubt. Niemals wurden diese Gräueltaten, die für viele den Charakter eines Genozids erreichen, offiziell kritisiert, geschweige denn debattiert. Bis heute wird verschwiegen, wie viele Vorfahren der Argentinier nicht nur europäisches Blut in ihren Venen haben. Der argentinische Gründungsmythos beruht auf der Legende, ein nicht bewohntes Territorium sei von europäischen Einwanderern besiedelt und entwickelt worden.

Die politisch und militärisch akribisch geplante Strategie der „Campañas“ zielte nicht nur darauf ab, die nationale Souveränität in den weiten, bis dahin nicht effektiv „in Besitz“ genommenen Territorien des Landes herzustellen. Es ging vor allem auch darum, die fruchtbaren Weiten, die vom Süden der Provinz Buenos Aires bis nach Feuerland reichen, landwirtschaftlich, also auch ökonomisch nutzbar zu machen. Von den Feldzügen profitierte insofern in erster Linie eine kleine, sehr reiche Minderheit. Sie teilte die Territorien unter sich auf und vermehrte ihren Reichtum durch die üppigen Erträge einer bereits damals industriell geprägten Landwirtschaft. Schon zu dieser Zeit entwickelte sich, mit Unterstützung vor allem britischen Kapitals und Einflusses, die strategische Grundausrichtung der argentinischen Wirtschaft. Sie beruht – mit Ausnahme der Industrialisierungspolitik in den 1950er Jahren - bis heute auf einer Primärgüter-Exportwirtschaft wie auch zu Zeiten des britischen Empire: Primärgüter aus Argentinien gegen Maschinen aus dem Königreich. Nur so konnten die nationalen Oligarchien maximalen Profit erwirtschaften. Dafür wurde Land gebraucht, und die Ureinwohner mussten weichen. Sie wurden getötet, Familien auseinandergerissen und vertrieben oder als Hausangestellte versklavt. Und wann immer diese Landoligarchie ihr ökonomisches Modell, ihre Interessen in Gefahr sah, wehrte sie sich mit allen Mitteln, sogar mit Hilfe von Militärdiktaturen. So kommt es, dass Unterernährung und Armut in einem Land, das landwirtschaftliche Produkte exportiert, bis heute zum Alltag gehören.

Auch im Agrarkonflikt 2008 zeichneten sich bedrückend ähnliche Konfliktlinien ab: Die Agrargroßproduzenten wehrten sich gegen eine Sonderbesteuerung ihrer exorbitanten Agrarexport-Gewinne, und wollten, gegen die Reindustrialisierungs- und Umverteilungspolitik der Kirchner-Regierung, ihre Privilegien abermals verteidigen: geringe Produktionskosten im Inland und zollfreie Produktionsmittel aus dem Ausland.

Zuletzt Anfang des Jahres 2011 wurden in Argentinien zahlreiche Fälle von sklavenartigen Arbeitsverhältnissen auf den Agrargroßproduktionen in den Provinzen publik. Insofern ist Awka Liwen auch eine präzise Nachzeichnung historischer, gesellschaftlicher Kontinuitäten von der Zeit der „Campañas“ bis heute.

Im Anschluss an den Film findet ein Gespräch mit Osvaldo Bayer und einer der beiden Regisseure, Kristina Hille, statt.