Die „Mittelschicht“ in der Abstiegsgesellschaft: zwischen Statuspanik und zivilgesellschaftlichen Engagement.

Die „Mittelschicht“ in der Abstiegsgesellschaft: zwischen Statuspanik und zivilgesellschaftlichen Engagement.

Veranstaltungsreihe: Das Unbehagen in der Kultur des Spätkapitalismus

Die "Mittelschicht" bildet ohne Zweifel das Zentrum der deutschen Sozialstruktur. Ihre Einstellungen sind für Wahlausgänge entscheidend und damit  in unserer politischen Kultur tonangebend. Keine Steuerdebatte ohne Rücksicht auf ihre Befindlichkeit, keine Studie über Trends zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit ohne ihre Ansichten. Doch wer gehört eigentlich zur Mittelschicht und warum? Und: Ist sie "enthemmt" (Oliver Decker u.a.), ist sie individualistisch und trotzdem zivilgesellschaftlich engagiert oder lebt sie nach wie vor in einer Komfortzone und ist dennoch voller Abstiegsängste (Oliver Nachtwey)? 

Der Vortrag gibt einen Überblick über neuere Studien zur Mittelschicht der Bundesrepublik und wird zunächst zwischen Teilgruppen der Mittelschicht und deren sehr unterschiedlichen Existenzbedingungen differenzieren . Unter dem Einkommensgesichtspunkt betrachtet ist die Mittelschicht tatsächlich in den letzten Jahren geschrumpft: zwischen 1999 und 2009 von 64% der Bevölkerung auf  59%. Aber zwischen übertariflich bezahlten Facharbeitern und hochflexiblen Prekären, die sich von einem Job zum nächsten hangeln, zwischen Risiko-Unternehmern der digitalen Ökonomie  und laufbahngesicherten Verwaltungsangestellten gibt es eine keine gemeinsamen arbeitsbiografischen Narrative.  Innerhalb der "Mitte" lässt sich zwar eine Kerndifferenz benennen, wonach die "drinnen" zumeist institutionell gut organisiert sind, die "draußen" dagegen nicht. Während also bei den einen soziale Sicherheit mit Anerkennung und Wohlstand zusammenfällt, ist bei den anderen das Gelingen vielleicht nur temporär und mit anhaltender Unsicherheit verknotet. Die Lage der "Mittelschicht" ist demnach so komplex wie die neue Arbeitsgesellschaft selbst. 

Betrachtet man aber nicht allein Einkommen und Statuspositionen, sondern weitet den Blick auf die Bildungsniveaus, Lebensentwürfe und das soziale Kapital der verschiedenen Gruppen, so zeigen sich radikal unterschiedliche Bedingungen für politisches Handeln und kulturelle Teilhabe. Wohin also „driftet die Mittelschicht“ (Steffen Mau)?  Die einen organisieren Proteste gegen Gentrifizierung oder globale Freihandelsabkommen mit unkontrollierbaren Schiedsgerichten, die andern flüchten sich in ihre Echoöffentlichkeiten und wählen AfD. Das Aufbegehren der Mittelschichten weist in ganz verschiedene Richtungen: den sozialen Zusammenhalt durch mehr Gerechtigkeit und Verbesserung der Lebensperspektiven fördern oder Flucht in einen neuen Patriotismus? Der Vortrag wird die Studien von Oliver Nachwey, Steffen Mau, Oliver Decker u.a. für die politische Bildung fruchtbar machen und die Argumentationskraft der Seminarteilnehmer*innen gegen Rechtspopulismus stärken.

 

Termin: Dienstag 12.9. 20.00 bis 22.00 Uhr

Ort: Bildungswerk der HBS, Sebastianstr. 21, 10179 Berlin

Referent: Dr. Wolfgang Lenk

 

Diese Veranstaltung wird realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.