Diskussion Mittwoch, 04. April 2018 in
Berlin

Ein Zeitalter des Zorns!

Der globale Kapitalismus und die verschiedenen Gestalten des Zorns in der heutigen Welt

Datum, Uhrzeit
Mi., 04. Apr. 2018,
20.00 – 22.00 Uhr In meinem Kalender speichern
Sprache
Deutsch
Veranstalter/in
Landesstiftung Berlin (Bildungswerk)
Pankaj Mishras "Zeitalter des Zorns" ist ein komplexes und an Beispielen sehr reiches Buch, das uns klarer vor Augen bringen kann, worin Enttäuschungen und Zorn in großen Teilen der heutigen Welt begründet sind. Wie wohl keine vergleichbare Untersuchung analysiert er die Zusammenhänge zwischen dem imperialistischen Erbe des Kolonialismus, den neoliberalen Transformationen in der Globalisierung (auch in den postkolonialen Ländern) und dem Aufstieg rechtsnationalistischer Gruppen und Parteien, die heute so sichtbar aufbrechen. "Die politische Wiederauferstehung des Nationalismus beweist, dass Ressentiments - in diesem Falle von Menschen, die sich von der globalisierten Ökonomie abgehängt oder von deren cleveren Oberherren und Claqueuren in Politik, Wirtschaft und Medien verächtlich ignoriert fühlen - die Ersatzmetaphysik der modernen Welt geblieben sind." Damit formuliert Mishra eine neue Variante dessen, was wir als Dialektik der Aufklärung bezeichnen können, denn die Entstehung des modernen Kapitalismus ist philosophisch auch durch die historische Bewegung der Aufklärung legitimiert worden.

Aus gutem Grund spielen in seiner Untersuchung "entfremdete junge Männer" eine Schlüsselrolle, da besonders deren persönliche Ambitionen heute massenhaft ins Leere laufen und sie - im Gegensatz zu Angehörigen der älteren Generationen - sich häufiger für spektakuläre Gewaltpolitiken entscheiden. Mishra, der in London und in einem nordindischen Dorf lebt, zeigt, dass Versuche einer Erklärung von militant ausagierten Ressentiments mit dem Verweis auf religiöse Glaubensüberzeugungen oder nationalistische Ideologien oberflächlich bleiben müssen, da sie dem globalen Anwachsen von ausweglosen Lebensbedingungen und gefühlten Abstiegsängsten nicht die nötige Aufmerksamkeit widmen. Sein Blick richtet sich auf die globalen wirtschaftspolitischen Zusammenhänge, die sowohl in den USA wie etwa auch in Modis Indien, im Nahen Osten und anderswo spürbar sind.

Was sein Buch aber besonders auszeichnet, ist der Vergleich der heutigen Situation mit den nationalistischen und faschistischen Bewegungen der "gekränkten Nationen" im Europa des 19. Und 20. Jahrhunderts, die er als Vorläufer für die heutigen Krisenreaktionen heranzieht. Diese Bewegungen hingen schon damals mit der extremen Gewaltsamkeit der nationalen Modernisierungsprozesse zusammen, wie er etwa am italienischen Beispiel zeigt. Zudem gelingt ihm dabei eine interessante Erweiterung seiner Perspektive, indem er nicht nur historische Untersuchungen heranzieht, sondern ganz besonders auch die Literatur einiger der prominentesten Schriftsteller untersucht, die die zaghaften Demokratisierungstendenzen damals attackierten und durch religiöse oder nationalistische Diktaturen ersetzen wollten.

Mishras Buch ist seit seinem Erscheinen im letzten Jahr zu einem Bestseller geworden, nicht allein weil es im besten Sinne "welterschließend" (Hannah Arendt) ist, sondern politische Bildung über globale Ungerechtigkeit und ihre potenziellen Folgen auf sehr lebendige Weise ermöglicht.

Referent: Wolfgang Lenk

Die Veranstaltung wird mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin realisiert.