Die Müllabfuhr im Internet

Die Müllabfuhr im Internet

Was mit den Bildern passiert, die uns die sozialen Netzwerke nicht zumuten
VeranstaltungsbildCreator: Ervins Strauhmanis. Creative Commons LizenzvertragThis image is licensed under Creative Commons License.

Täglich werden Millionen Bilder in die sozialen Netzwerke geladen, die wir nie zu Gesicht bekommen. Bilder von Gewalt und Pornographie, aber auch solche, die Facebook & Co schlicht als "unangemessen" einstufen. Gesichtet und aussortiert werden die Fotos und Videos von Billiglöhner/innen auf den Philippinen. Als Christen können Philippinerinnen und Philippiner westliche Moralvorstellungen gut einschätzen, denken die Konzerne. Also sind es heute philippinische "Content Moderators", die sich dem endlosen Strom der. Bilder aussetzen. Posttraumatische Belastungsstörungen der Angestellten werden als Kollateralschaden eingepreist. Die Passionsgeschichte des Internetzeitalters? Moritz Riesewiecks Lecture Performance basiert auf seiner Recherchereise nach Manila.  Prof. Sarah T. Roberts konzentriert ihre Forschungen auf die neuen Formierungen von digitaler Arbeit und Produktion im postindustriellen Zeitalter.

Die Veranstaltung wird live gestramt unter www.boell.de/livestream.

Programm

19.00 - Lecture performance / Premiere
"Die Ausgelagerten", Moritz Riesewieck

19.50 - Pause

20.00 - Vortrag
“Reconfigurations of digital labour - Commercial Content Moderation (CCM)“ - Sarah T. Roberts

20.20 - Paneldiskussion / "Die Müllabfuhr im Internet"
Mit:

Moderation: Shelly Kupferberg

21.30 Q & A
22.00 Drinks

Sprachen: Lecture performance auf Deutsch, Vortrag und Diskussion auf Englisch
Teilnahme nur nach Anmeldung möglich: Christian Römer, E roemer@boell.de

Zum Inhalt
Gewalt, Pornographie, verschiedenste Formen der „Perversion“ – in den großen sozialen Netzwerken im Internet sind solche Bilder so gut wie nie zu finden. Das verdanken wir nicht der Artificial Intelligence einer Bilderkennungssoftware. „Perverses“ Bildmaterial von tolerierbarem zu unterscheiden, ist im Zweifel eine knifflige Angelegenheit, die von keinem Algorithmus erfüllt werden kann. Outgesourct wird dieser Job vielmehr in eine Vorstadt von Manila auf den Philippinen. Als Christen können Philippinerinnen und Philippiner westliche Moralvorstellungen gut einschätzen, denken die Konzerne. Also sind es heute philippinische "Content Moderators", die sich dem endlosen Strom der Bilder aussetzen. Posttraumatische Belastungsstörungen der Angestellten werden als Kollateralschaden eingepreist. Die Passionsgeschichte des Internetzeitalters?

Acht Stunden täglich sichten die "Content Moderators" tausende Videos und Fotos von Sodomie, Pornographie, Vergewaltigungen oder Verstümmelungen, die weltweit hochgeladen werden, und sortieren diese aus, bevor wir, die Nutzer, sie zu Gesicht bekommen. Sie sind die „Müllabfuhr im Internet“.  Selbst sind sie einer Flut von verstörenden Bildern ausgesetzt, die sich in den meisten Fällen nie wieder aus der Erinnerung löschen lassen. Als posttraumatische Belastungsstörung bemächtigen sich die Bilder ihrer Körper.  

Welche Regeln die jungen Philippinerinnen und Philippiner umsetzen, die ihren Daumen über die Fotos und Videos heben oder senken, die auf ihren Bildschirmen landen, das versuchen die amerikanischen Auftraggeber so undurchsichtig wie möglich zu halten.

Moritz Riesewieck hat sich ein Bild gemacht. Basierend auf einer aktuellen Recherche in Manila spinnt er in seiner Performance den Faden von den philippinischen Content Moderators zur christlichen Sündenlehre. Den wissenschaftlichen Rahmen zur Lecture performance liefert Sarah T. Roberts, Assistant Professor an der Western University, Ontario, Canada. Ihre Dissertation befasst sich mit dem Gegenstand "Hidden digital labour" - ihre Forschungen konzentrieren sich auf den Bereich der digitalen Arbeit im postindustriellen Zeitalter.

 

Moritz Riesewieck (31) studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Daneben Regieassistenzen an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dem Thalia Theater Hamburg und der Schaubühne. Seine Studien-Projekte (z. B. „SiebenSchlaefer – EinSchlafTerrorCamp“, "ParK", "Wie wir den Totalen Krieg beenden 1-3 und 4-9") wurden bei Festivals am Maxim Gorki Theater, am HAU Berlin und beim Kaltstart Hamburg gezeigt. 2009 wurde er mit dem Deutschlandstipendium ausgezeichnet, 2014 vom Goethe Institut nach Mexico City eingeladen, wo er „Woyzeck“ von Georg Büchner inszenierte. Seine Performance „Peer entfällt" wurde 2014 für den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft nominiert. Seine Diplominszenierung „Voiceck" wurde 2015 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Mit der Gruppe Laokoon, die er 2014 gründete, entwickelt Riesewieck - oft von Recherchen ausgehend - ungewöhnliche Erzählformate, zuletzt in „Die Leere des Himmels" am Ballhaus Ost in Berlin. 2015 wurde Moritz Riesewieck für seine Recherchearbeiten im Rahmen des Regiestudiums mit dem Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin ausgezeichnet.

 

Fachkontakt:
Christian Römer
Referent Kultur und Neue Medien
Heinrich-Böll-Stiftung
T +49-(0)30-285 34 – 252
E roemer@boell.de