Diskussionsreihe Donnerstag, 25. April 2019 – Donnerstag, 23. Mai 2019 /
Berlin

Was ist eigentlich Wissenschaft?

Lesekreis

Datum, Uhrzeit
Do., 25. Apr. 2019, 19.00 Uhr  –
Do., 23. Mai 2019, 21.30 Uhr In meinem Kalender speichern
Sprache
Deutsch
Veranstalter/in
Landesstiftung Berlin (Bildungswerk)
Verschiedene Definitionen sind sich darüber einig, dass es sich bei Wissenschaft um die Herstellung von begründeten, geordneten und gesicherten Wissen handelt, was intersubjektiv nachvollziehbar sein muss. Foucault stellt allerdings fest, dass die Geschichte des neuzeitlichen Wissens nicht nur eine Geschichte des Wissens, sondern gleichermaßen eine Geschichte der Macht ist. Gerade in Zeiten knapper Ressourcen, ergänzt die feministische Wissenschaftskritik, muss die Frage nach der Macht in allen Disziplinen explizit gestellt werden. Die sogenannte Frankfurter Schule geht sogar so weit, dass die einzelnen Phänomene nur erkennbar und begreifbar sind, in dem sie auf die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse bezogen werden. Anhand dieser Gedanken wird deutlich, dass die ach so neutrale objektive Wissenschaft gar nicht so objektives Wissen schafft und es daher auch eine lange kritische Auseinandersetzung darum gibt.

In diesem Lesekreis wollen wir uns mit kritischen Wissenschaftstraditionen befassen, die den herrschenden Wissenschaftsbetrieb grundsätzlich in Frage stellen und daher meist nur eine Randexistenz führen.

1) Karl Marx – Der historische Materialismus (25.4.)
In seiner Auseinandersetzung mit Feuerbach in der Deutschen Ideologie von 1846 (damals nicht veröffentlicht) begründet Marx den historischen Materialismus: „Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst .“
Die materialistische Geschichtsauffassung ist die Grundlage für die gesamte marxistische Wissenschaft und daher aus den Universitäten weitgehend verschwunden. Wir werden im Lesekreis Auszüge aus der Deutschen Ideologie diskutieren.

2) Max Horkheimer – Traditionelle und kritische Theorie (2.5.)
In diesem für die „Frankfurter Schule“ programmatischen Text unterscheidet Horkheimer zwei unterschiedliche Gattungen von Theorien: „Theorie im traditionellen, von Descartes begründeten Sinn, wie sie im Betrieb der Fachwissenschaften überall lebendig ist, organisiert die Erfahrung auf Grund von Fragestellungen, die sich mit der Reproduktion des Lebens innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft ergeben. Die Systeme der Disziplinen enthalten die Kenntnisse in einer Form, die sie unter den gegebenen Umständen für möglichst viele Anlässe verwertbar macht. Die soziale Genesis der Probleme, die realen Situationen, in denen die Wissenschaft gebraucht, die Zwecke, zu denen sie angewandt wird, gelten ihr selbst als äußerlich.“
Dem setzt Horkheimer die „Kritische Theorie“ entgegen, die den Rahmen und die Zecke der Gesellschaft selbst in Frage stellt und sich in den Dienst einer besseren möglichen Welt stellt. Sie ist nicht konstruktiv, sondern kritisch, denn nur durch die bestimmte Negation, kann die Möglichkeit des Anderen erscheinen.
In diesem Text kommt die gesamte Spannbreite der Wissenschaft zum Ausdruck und daher ist er für heute nach wie vor relevant und wird unser zweiter Text im Lesekreis sein.

3) Der Positivismusstreit in der Soziologie (Popper gegen Adorno) (9.5.)
Der Beginn des sogenannten Positivismusstreits war die Auseinandersetzung zwischen Karl Popper und Theodor W. Adorno über „Die Logik der Sozialwissenschaften“ auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Tübingen 1961.
Popper vertritt dabei den kritischen Rationalismus, der nur Theorien zulässt, die durch Experiment und Beobachtung, falsifizierbar sind. Es geht also nicht darum eine Theorie zu beweisen, sondern sie so zu formulieren, dass sie potentiell widerlegbar ist.
Adorno bestreitet die Möglichkeit diese Methode auf die Komplexität einer Gesellschaft anzuwenden. Da die kapitalistische Gesellschaft alle Lebensbereiche und Bewusstseinsformen durchdringt, können einzelne Phänomene nur begriffen werden, in dem sie auf die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse bezogen werden. Das Verhältnis von Wesen und Erscheinung wird vom kritischen Rationalismus als Metaphysik abgelehnt, genau wie die Veränderung der Gesellschaft als Ganzer. Daher bezeichnet die Frankfurter Schule diesen als Positivismus.
Dieser auf die Sozialwissenschaften bezogene Streit ist für jede kritische Gesellschaftsanalyse ein wichtiger Meilenstein für die Klärung der eigenen Gedanken und wird daher Gegenstand unserer dritten Sitzung im Lesekreis sein.

4) Angelika Walser - Science und Gender - Hat die Wissenschaft ein Geschlecht? (23.5.)
In diesem an der Universität Innsbruck ca. 2006 gehaltenen Vortrag geht die Autorin der Frage nach in wie weit das Geschlecht für die Wissenschaft eine Bedeutung hat. Sie beginnt mit der Auseinandersetzung von Judith Butler zur Trennung von sex and gender, reflektiert die von Foucault eingeworfenen Machtverhältnisse und setzt sich mit der Feministischen Wissenschaftstheorie von Sandra Harding auseinander, die zum Verhältnis von Wissenschaft und sozialem Geschlecht geforscht hat.
Ihre Fragestellung und der fundierte Überblick, den uns Angelika Walser, inzwischen Professorin für Moraltheologie an der Uni Salzburg, gibt, macht den Text besonders geeignet für uns im Lesekreis. Inwieweit unsere Wahrnehmung und auch der wissenschaftliche Blick durch die heteronormative zweigeschlechtliche und patriarchale gesellschaftliche Entwicklung geprägt ist, sollte jede emanzipatorische Wissenschaft mitreflektieren und entsprechend handeln.

Seminarleitung: Micky Haque

Die Anmeldung gilt für alle vier Abende. Wir wünschen uns eine kontinuierliche Teilnahme an allen Terminen. Wegen der Teilnahmebegrenzung bitten wir nur um wirklich verbindliche Anmeldungen.

Realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.