Diskussion Dienstag, 06. Februar 2018 in
Berlin

Zwischen globalen Ambitionen und lokaler Dringlichkeit - Casablancas Urban Renewal

Datum, Uhrzeit
Dienstag, 06. Februar 2018, 19.00 Uhr – 22.00 Uhr
Adresse
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Sprache
Deutsch
Veranstalter/in
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung

Casablanca, Marokkos bedeutendste Wirtschaftsmetropole, ist im Wandel! Spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts, mit der Machtübernahme von König Mohammed VI. und vor dem Hintergrund verstärkten internationalen Städtewettbewerbs, haben städtische Modernisierungsstrategien in Marokko neue Bedeutung erlangt. So soll Casablanca sich wandeln weg vom Image der dreckig-chaotischen Industrie- und Hafenstadt hin zu einer modernen Finanzmetropole mit globaler Ausrichtung auf internationale Geschäftsleute und Touristen. Moderne Straßenbahnen, das Waterfront-Projekt CasaMarina oder die Pläne zu Casablanca Finance City sind erste Zeugen dieser Entwicklung. Das global vermarktete Casablanca implementiert dabei eine westlich geprägte Vorstellung urbaner Moderne, stilisiert aber gleichzeitig orientalistische Stereotypen eines urbanen Marokkos. Das vermarktete Image entkoppelt sich so zunehmend von lokalen Lebenswelten und hat eine Dringlichkeitsplanung verstärkt, wie sie der marokkanische Soziologe Rachik 2002 in seinem Buch Urbanisme de l’Urgence beschrieb. Seit der Jahrhundertwende wurden beispielsweise zahlreiche Einwohner informeller Siedlungen zum Teil gegen ihren Willen in westliche Apartmentwohnhäuser am Stadtrand oder außerhalb umgesiedelt. Auch informelle Händler sind verstärkt staatlichen Repressionen ausgesetzt. Während zahlreiche ambitionierte Großprojekte kaum Fortschritte machen, hat Casablancas Urban Renewal somit bereits soziale Ungleichheiten und die städteräumliche Segregation verstärkt.

Der Vortrag geht zunächst auf die historische Entwicklung Casablancas ein und porträtiert vor allem die Stadtentwicklung in vermeintlich marginalisierten Vierteln. Er zeigt auf inwieweit die französische Kolonialherrschaft sowie Protest und Rebellion die Stadtplanung in diesen Vierteln maßgeblich geprägt haben bzw. weiterhin prägt und erklärt die Grundzüge von Rachik’s Urbanisme de l’Urgence. Hiernach nimmt der Vortrag Bezug auf Casablancas Global-City-Ambitionen, welche um die Jahrhundertwende verstärkt zu Tage traten und Segregation und Marginalisierung in Teilen verstärkt haben. Casablanca ist hierbei kein Einzelfall sondern steht exemplarisch für die Entwicklung ehemals kolonialer Städte, die sich zunehmend globalen Märkten und Wettbewerben öffnen. Das Hauptargument des Vortrags folgt dabei gängigen Diskursen der kritischen Stadtforschung, welche seit Jahren eine Zunahme innerstädtischer Spannungen und Ungleichheiten anprangern.

Raffael Beier studierte Geographie mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalentwicklung in Bochum und Grenoble. Seit 2014 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik der Ruhr-Universität Bochum. Im Rahmen seiner Doktorarbeit, die er in Kooperation mit International Institute for Social Studies in Den Haag schreibt, analysiert er die Umsiedlung informeller Siedlungen in Casablanca und nimmt dabei explizit die lebensweltliche Perspektive der (umgesiedelten) Bewohner in den Blick. Raffael Beier ist zudem Sprecher des Arbeitskreises Stadt/Raum am Institut für Protest- und Bewegungsforschung.

Kooperationsveranstaltung mit "Alsharq e.V."

Diese Veranstaltung wird realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin