Das Epochenjahr 1917: (Alb-) Traum der Emanzipation? Rückblende auf eine Zäsur in Ost- und Südosteuropa

Das Epochenjahr 1917: (Alb-) Traum der Emanzipation? Rückblende auf eine Zäsur in Ost- und Südosteuropa

6. Europäisches Geschichtsforum
Illustration Epochenjahr 1917Creator: Arinda Craciun. All rights reserved.

Der Sturz der russischen Zarenherrschaft im Februar 1917 und die Machtübernahme durch die Bolschewiki im November desselben Jahres haben ohne Zweifel auf ganz Europa ausgestrahlt. Der Umsturz an sich vollzog sich zunächst als Befreiung von autoritärer Herrschaft und ging mit Hoffnungen auf Fortschritt, Gerechtigkeit und nationale Selbstbestimmung einher. Die russische Revolution 1917 wurde somit zum Kulminationspunkt und zugleich zur Projektionsfläche emanzipativer Bewegungen, die sich aus sozialen, demokratischen und antiimperialen Motiven speisten. Zugleich markiert das Jahr 1917 einen historischen Scheidepunkt in mehrfacher Hinsicht:

  1. Mit der Februarrevolution in Russland „siegte“ für eine kurze Zeit die Option einer linksbürgerlichen, auf repräsentative Demokratie ausgerichteten Konzeption, die grundlegende sozialökonomische Reform im Rahmen eines durch Gewaltenteilung gekennzeichneten Verfassungsstaates vorsah. Nur wenige Monate später setzte sich jedoch die bolschewistische Option der „Arbeiter- und Bauernmacht“ durch, die für die Durchsetzung tatsächlicher sozialrevolutionärer emanzipativer Veränderungen die Konzentration aller politischen, militärischen und ökonomischen Machtressourcen in den Händen einer kleinen revolutionären Avantgarde beanspruchte. Damit war im Kern eine Spaltung der Linken vollzogen, die sich in vielen Variationen über die nächsten hundert Jahre reproduzieren sollte.
  2. 1917 gilt jedoch zugleich als Epochenjahr nationaler Emanzipation: Der Zerfall des russischen „Völkergefängnis“ kurz nach der Revolution bildete den Auftakt zum Zerfall der europäischen Großreiche. Das Osmanische Reich und das Österreichisch-Ungarische Doppelreich folgten wenig später. Zugleich markiert der Kriegseintritt der USA im April 1917 ihre Übernahme der Rolle einer europäischen Ordnungsmacht. Präsident Wilsons 14-Punkte-Plan vom Januar 1918 propagierte das Prinzip nationaler Selbstbestimmung und die Idee des Völkerrechts als Grundlagen internationaler Beziehungen – der nach dem 1. Weltkrieg gegründete Völkerbund versuchte diese Ideen erstmals zu institutionalisieren.

Der Revolutionär Lenin und der amerikanische Präsident Wilson propagierten diametral verschiedene Spielarten nationaler Selbstbestimmung. War es bei Lenin der internationale Bürgerkrieg, der zur Emanzipation des Volkes von der Klassenherrschaft der imperialen Mächte führen sollte, so zielte Wilson auf die Selbstbestimmung der Völker in einer demokratischen Weltgemeinschaft. 1917 gerät letztlich zur geografischen Bruchlinie zwischen verschiedenen Auffassungen von Volkssouveränität: Der liberal-demokratischen mit ihren rechts- und verfassungsstaatlichen Institutionen im Westen und des durch Plebiszite legitimierten Führungsanspruchs der kommunistischen Kaderpartei im Osten.

Doch was waren die Triebkräfte, die zur Spaltung führten? Welche Voraussetzungen führten zum Sieg der Bolschewiki über die liberalen und konstitutionell gesinnten Kräfte und die demokratische Minderheit in der russischen Sozialdemokratie? Welche Modelle von Emanzipation versprachen Erfolg, welche Bedürfnisse nach Integration können wir aus den Staatsbildungsprozessen des gesamten Jahrhunderts in der Rückschau ablesen? Welche Konzepte von „Staat“, „Nation“ und „Union“ scheinen geeignet für Freiheit und dauerhaften Frieden zwischen den „Völkern“ nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts?

100 Jahr später stehen die normativen Antworten, die im politischen „Westen“ auf diese Fragen gegeben werden – liberale Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Multilateralismus, europäische Integration – weltweit unter Druck. Das Europäische Geschichtsforum 2017 fragt danach, wie an unterschiedlichen Orten Europas (mit Schwerpunkt auf Ost- und Südosteuropa) an das Epochenjahr 1917 erinnert wird und welche Schlussfolgerungen für die aktuelle politische und mentale Verfasstheit der Region aus den dominanten Narrativen gezogen werden können.

Die von der Heinrich-Böll-Stiftung und ihrem russischen Partner, dem Wissenschaftlichen Informationszentrum Memorial, gemeinsam begonnene Initiative „Europäisches Geschichtsforum“ hat das Ziel, v.a. jüngeren Historikerinnen und Historikern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Museen, Medien und Nichtregierungsorganisationen aus Ost-, Südost- und Westeuropa die Gelegenheit zum Austausch zu geben. So soll ein gesamteuropäischer Diskurs zu Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik vorangebracht werden. Das Forum richtet sich zugleich an alle, die sich beruflich, ehrenamtlich oder privat kritisch mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer Vermittlung beschäftigen.

Mit:

  • Gerd Koenen, Publizist/Historiker, Berlin
  • Irina Sherbakova und Elena Rozhdestvenskaya, Historikerinnen, Moskau
  • Boris Kolonitskiy, Historiker/in St. Petersburg
  • Petar Todorov, Historiker, Skopje
  • Amir Duranovic, Historiker, Sarajewo
  • Beka Kobakhidze und Levan Lortkipanidze, Historiker, Tbilisi

und vielen anderen

Anmeldung: Bitte melden Sie sich über unser Online-Formular an.

Eine Kooperation der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Wissenschaftszentrum Memorial Moskau.

Information:       
Nina Happe
Projektbearbeiterin Ost- und Südosteuropa
Heinrich-Böll-Stiftung
E-Mail happe@boell.de
Telefon +49(0) 285 34 - 384