„Arbeit“ zwischen Mühsal und digitalen Utopien.

„Arbeit“ zwischen Mühsal und digitalen Utopien.

Notwendige Fragestellungen einer Politik der Umgestaltung von Erwerbstätigkeit.

Inmitten der zahlreichen rasanten Technologieumbrüche in der heutigen Arbeitswelt kursiert wieder einmal eine technikgeschichtliche Fortschrittserzählung in der politischen Öffentlichkeit, die recht eindimensional auf den industriepolitischen Kern des High-Tech-Kapitalismus („Industrie 4.0“) und seine Dienstleistungsdynamik bezogen ist. Die einen sehen darin enormes utopisches Potenzial, das uns von „der Arbeit“ befreit,  andere reagieren mit Ängsten vor Überkomplexität oder Arbeitsplatzverlust. Beiden ist gemeinsam, dass sie mit einer vereinseitigenden Perspektive operieren: ihr Blick richtet sich nicht auf die ungeheure Vielschichtigkeit des Handlungsfeldes, die wir mit den Begriffen „Arbeit“ oder „Tätigkeit“ bezeichnen und die damit verknüpften, extrem unterschiedlichen Weisen des konkreten menschlichen Tätig-seins selbst.

Schon die Gebrüder Grimm schrieben in ihrem berühmten Wörterbuch aus dem Jahr 1832: „Arbeit: ein uraltes, viel merckwürdige Seiten darbietendes Wort“. Dass der Begriff „Arbeit“ seinerzeit bereits auf Tätigkeiten wie das Gebären, Dichtkunst oder sogar unwillkürliche Körperbewegungen ausgedehnt wurde, galt ihnen als Indiz, dass „Arbeit“ im bürgerlichen Zeitalter immer unbeschwerlicher werde. Ein echter Irrtum – zu Zeiten des take-off der Industrialisierung! Dennoch haben sie auch etwas Richtiges erfasst, denn heute sprechen viele ganz selbstverständlich von Reproduktions- und Beziehungsarbeit, Kultur- oder Körperarbeit oder von Traumarbeit. Geht es um die politische Umgestaltung unserer Arbeitswelt, ist es lehrreich, Aspekte der Gesellschaftsgeschichte unterschiedlicher Weisen des Tätig-Seins, Arbeitszeitregelungen, Reproduktionsarbeit, Subsistenzproduktion, aber auch Spiele, Kulturen usw. genauer zu betrachten.

Der Vortrag wird einmal aus einer ganz anderen Perspektive den Blick auf die Geschichte von „Arbeit“ zu richten, anhand der Untersuchung von Andrea Komlosy: „Arbeit. Eine globalgeschichtliche Perspektive“. Sie weitet unseren Blick für die oftmals unterschlagenen Aspekte einer geradezu atemberaubend komplexen Geschichte der Arbeitstätigkeiten, der Gleichzeitigkeit von höchst unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen, den soziokulturellen Prägungen von politischen Ökonomien oder dem Gewaltcharakter von Arbeit als einer immer wiederkehrenden Grundkonstante. Komlosy legt eine Art Handbuch der Sozialgeschichte von „Arbeit“ vor, das den Zeitraum von über 700 Jahren erfasst. Sie entwickelt eine neue konzeptionelle Grundlage für die Debatten um die Zukunft der Arbeit. Aus einer feministischen und globalgeschichtlichen Perspektive liest sie die Geschichte der Arbeit gegen den Strich der eurozentrischen Erzählungen. Ihr Fokus liegt auf der Darstellung der Gleichzeitigkeit und Kombination von sehr unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen, die sie anhand von sechs Zeitschnitten - 1250, 1500, 1700, 1800, 1900 und 2010 – untersucht. Ihre Perspektive orientiert sich stark an dem vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam 2007 entwickelten Forschungsschwerpunkt der Untersuchung der globalen Arbeitsverhältnisse. Das Chamäleon „Arbeit“ wird exemplarisch

  • unter dem Gesichtspunkt der konkreten Tätigkeitsformen erfasst,
  • mit  seinen signifikante Veränderungen in den Arbeitsverhältnissen im Zeitverlauf identifiziert und erklärt,
  • sowie in den globalen Zusammenhängen in Bezug auf die sich ebenfalls verändernden Bewertungen von Arbeit befragt.

In europäischen Gesellschaften wurde das enge Zusammenspiel von Leben, Herstellen und Wirtschaften im „ganzen Haus“ im Laufe des 18. Jahrhunderts mehr und mehr in die einzelnen Bereiche aufgesprengt. Im 19. Jahrhunderts hat sich in industrialisierten Regionen dann ein engerer Gebrauch des Arbeitsbegriffs, der vor allem auf bezahlte, meist männliche Erwerbstätigkeit bezogen war, durchgesetzt. Mit dem Übergang zum Industriekapitalismus wurde die unbezahlte Arbeit, wie Haus- oder Subsistenzarbeit, oder auch soziales und politisches Engagement, immer weniger als „Arbeit“ begriffen. Diese Reduktion klingt heute absurd.

 

Die geschichtlichen Diskurse über die Arbeit verortet Komlosy im Spannungsfeld zwischen dem Bestreben nach Überwindung der Arbeit, ihrer sozialen Transformation und dem Lob der Arbeit. Alle drei Diskursformen finden sich in unterschiedlicher Gestalt im Verlauf der Menschheitsgeschichte wieder, beeinflusst durch Religion, Philosophie und Weltanschauung. So untersucht sie die z.B. Anstrengungen der Mächtigen seit der Antike, die Arbeit zu überwinden, indem sie marginalisierten und unterdrückten Bevölkerungsgruppen – den Frauen, „Barbaren“, Fremden und Sklaven – aufgebürdet wurde. Als Königsweg zur sozialen Transformation galt seit dem 19. Jahrhundert vor allem die Verkürzung der Arbeitszeit. Als etwa Paul Lafargue 1883 forderte, höchstens drei Stunden am Tag arbeiten zu müssen (was seit den 1970er in den Alternativbewegungen wieder aufgenommen wurde), operierte er aber mit einem sehr engen Arbeitsbegriff, der weder die Gesamtheit sozialer Tätigkeiten in den Blick nahm, noch die vom Kolonialismus geprägte internationale Arbeitsteilung, die den entwickelten Industriestaaten billige Rohstoffe und Konsumgüter lieferte. Um den Diskurs zum Lob der Arbeit darzustellen, rekurriert Komlosy auf die positive Identifikation der Handwerker mit ihrer Arbeit im Spätmittelalter, den an die Arbeitsamkeit appellierenden Calvinismus und die heute weitverbreitete Auffassung von der Selbstverwirklichung durch Arbeit. Einer Fetischisierung der produktiven Arbeit leistet auch Vorschub, wer ein „Recht auf Arbeit“ höher bewertet als die Überwindung fremdbestimmter Arbeit. Aber auch Vorstellungen von einer Transformation der Arbeit von der Mühsal hin zur Kreativität und von der Entfremdung zur Selbstverwirklichung, die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzen, sind nicht frei vom Fetischisieren des „Arbeitens“.

 

Seit den Zeiten der forcierten Globalisierung werden die Interdependenzen der internationalen Ökonomien verwickelter. Über den globalen Wettbewerb treten die neuen sowohl mit den alten Industrieländern wie auch mit Schwellenländern etwa seit den 1980er Jahren in Konkurrenz, und die abgesicherten Arbeitsverhältnisse erodieren, was letztlich zu einer Informalisierung und Deregulierung der Arbeit in allen Zentren der Weltwirtschaft führt. Global nimmt die Industriearbeit zu, aber zugleich schrumpft die organisierte Arbeiterschaft in den Gesellschaften mit starker sozialpolitischer Regulierung. Vor allem Geringqualifizierte geraten massiv unter Druck, während die Zahl gut ausgebildeter Freiberufler und Experten wächst. Obwohl „Normalarbeitsverhältnisse“ seltener werden, stockt die Arbeitszeitpolitik. Komlosy sieht Anzeichen, dass auch in den postindustriellen Gesellschaften die Subsistenzwirtschaft an Bedeutung gewinnen wird.

 

Dienstag, 18. 10. 2016, 20h, Sebastianstr. 21

Seminarleiter: Dr. Wolfgang Lenk

Die Veranstaltung wird realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.