Gespräch Dienstag, 12. September 2017 in
Berlin

Die sogenannte "Mittelschicht" in der Abstiegsgesellschaft

Datum, Uhrzeit
Dienstag, 12. September 2017, 20.00 Uhr
Veranstalter/in
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Die "Mittelschicht" in der Abstiegsgesellschaft: zwischen Statuspanik und zivilgesellschaftlichen Engagement.

Neue Blicke auf den deutschen politischen Mythos der "Mitte".


Veranstaltungsreihe: Das Unbehagen in der Kultur des Spätkapitalismus


Die "Mittelschicht" bildet die demografische Mehrheit in der deutschen Sozialstruktur. Rund 2/3 der Bevölkerung rechnen sich selbst ihr zu. Ihre Einstellungen sind für Wahlausgänge entscheidend und damit in unserer politischen Kultur tonangebend. Lebt die "Mitte" in einer Komfortzone und ist dennoch voller Abstiegsängste (Oliver Nachtwey) oder gar in wachsendem Maße "enthemmt" (Oliver Decker u.a.) ? Die kommenden Bundestagswahlen werden ein Lehrstück sein für die Frage, welche Reformwünsche und welche Beharrungskräfte die Sozialmilieus in der Mitte artikulieren.

Der Vortrag wird zunächst zwischen Teilgruppen der Mittelschicht und deren sehr unterschiedlichen Existenzbedingungen differenzieren. Wer gehört eigentlich zur Mittelschicht und wie wird sie in Analysen definiert? Betrachtet man ihre Einkommen, so schrumpft die Mittelschicht tatsächlich: zwischen 1999 und 2009 von 64% der Bevölkerung auf 59%. Aber zwischen gut bezahlten Facharbeitern und flexiblen Prekären, zwischen Risiko-Unternehmern und laufbahngesicherten Verwaltungsangestellten gibt es eine keine gemeinsamen arbeitsbiografischen Erzählunen. Die eigenen Erfahrungen in der Arbeitswelt spielen aber die entscheidende Rolle, sowohl wenn behäbige Zufriedenheit oder die Statuspanik dominiert. Die Lage der "Mittelschicht" ist demnach so komplex wie die neue Arbeitsgesellschaft selbst.

Betrachtet man aber nicht allein Einkommen und Statuspositionen, sondern weitet den Blick auf die Bildungsniveaus, Lebensentwürfe und das soziale Kapital der verschiedenen Gruppen, so zeigen sich radikal unterschiedliche Bedingungen für politisches Handeln und kulturelle Teilhabe. Wohin also "driftet" die Mittelschicht? Von organisierten Protesten gegen Gentrifizierung, steigenden Mieten und mangelnde ökologische Modernisierung bis zur Flucht in die Echo-Öffentlichkeiten eines neuen Populismus reicht das Spektrum der politischen Haltungen. Aber die Atmosphäre vor den kommenden Wahlen wirkt vor allem eigentümlich ausgelaugt.

Die große Mehrheit der Mittelschicht will zwar ein besseres Bildungssystem, Altersarmut verhindern und weniger Stress durch eine Humanisierung der Arbeitswelt - aber das wird wenig öffentlich hör- und sichtbar. Wie ist das möglich? Der Vortrag wird die Studien von Oliver Nachwey, Steffen Mau, Oliver Decker u.a. für die politische Bildung fruchtbar machen und zeitdiagnostische Beobachtungen sammeln, die nahelegen, dass wir in einer Übergangszeit leben, unterdrückte Wünsche und Interessen sich vermutlich bald stärker artikulieren werden und wir mit stärkeren Polarisierungen rechnen müssen.


Diese Veranstaltung wird realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin