Grünes Wachstum oder Wachstumskritik? Ralf Fücks im Gespräch

Grünes Wachstum oder Wachstumskritik? Ralf Fücks im Gespräch

Reihe: Das Unbehagen in der Kultur im Spätkapitalismus X

Ralf Fücks zeigt in seinem Buch "Intelligent wachsen", dass diejenigen, die den "Ausstieg aus dem Wachstumswahn" fordern, keine Antwort auf die Frage haben, wie Europa aus dem Teufelskreis von Schulden und Arbeitslosigkeit herausfinden kann. Mit einem Green New Deal kann eine ressourcenneutrale Form von Wachstum, ein Aufbruch in die ökologische Moderne geschaffen werden: Kunststoffe auf Pflanzenbasis, Kraftwerke, die die künstliche Fotosynthese nutzen, ressourcenschonende Mobilitätssysteme und vieles andere.

 

Eine Veränderung der Lebensstile wird so nicht mehr zur Kernfrage, sondern eine grüne industrielle Revolution, die den Raubbau an der Natur beendet. Nicht allein unter Grünen wird das Buch heiss diskutiert. Es formuliert eine Gegenposition zu jenen radikalen Wachstumskritiken, die vor allem auf Selbstbeschränkung und die individuelle Entscheidung für eine ökologisch-moralische Lebensweise setzen. Würde ein Green New Deal durch seine Strategie öko-technologischer Innovationen die Suche nach einer Neudefinition des „guten Lebens“ und die alltagskulturelle (Selbst)Veränderung verdrängen oder sogar befördern? Kann die Ökologiebewegung mit grünem Wachstum die kulturelle Hegemonie erobern? Auch Themen wie die Ergebnisse der Enquetekommission des Bundestags zu alternativen Wachstumsindikatoren werden angesprochen.

 

Moderation: Dr. Wolfgang Lenk

 

Ort:
Mehringhof
Raum: Blauer Salon

Die Veranstaltung ist kostenfrei.
Eine Anmeldung ist nicht nötig.
Infos im Bildungswerk: Birgit Guth, guth@bildungswerk-boell.de

 

Die Veranstaltung wird realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

 

Allgemeine Hinweise zur Reihe: "Das Unbehagen in der Kultur des Spätkapitalismus":

Sigmund Freud analysierte in seinem Klassiker "Das Unbehagen in der Kultur" einen anthropologischen Konflikt zwischen den menschlichen Triebstrukturen und den Verhaltenszumutungen gesellschaftlicher Ordnungen. Sein berühmtes Buch, 1930 erschienen, war auch ein Dokument der genauen Beobachtung seiner Zeit. Im damaligen Europa zeichneten sich deutlich die Gefahren von Krieg, weiteren Diktaturen und autoritär sozialisierten, unterwerfungsbereiten Massen ab.

 

Aus drei Quellen des Leidens drohen dem menschlichen Lustprinzip durch die jeweilige Kultur (im weiteren Sinne von Zivilisation und Herrschaft) Einschränkungen nach Freud: 1. aus dem eigenen Körper, der von Alterung und Krankheiten geschwächt wird, 2. aus den gesellschaftlichen Machtverhältissen, insbesondere Ökonomie, Politik und Krieg, 3. aus den Beziehungen zu anderen Menschen (im weiteren Sinne von Privatheit und Vergemeinschaftung).

 

Ohne Frage haben die von Freud theoretisch entwickelten Spannungen zwischen menschlichem Begehren, Selbstbildern und sozialen Ordnungen heute eine veränderte historische Gestalt angenommen - und sie werden in den heutigen philosophischen und humanwissenschaftlichen Diskursen auch mit sehr unterschiedlichen Theorieansätzen beschrieben. Die gegenwärtige kulturelle Symptomatologie des Spätkapitalismus bietet eine Menge Rohstoff für die drei Freudschen Quellen des Unbehagens in unserer Zeit. Machtsysteme und Medienkulturen erzeugen fortlaufend neue Bilder und Konzepte des Körpers, der Gesellschaft und des privaten Lebens.
Die Vortragsreihe geht von Freuds Erkenntnismotiv aus (woher speist sich das Unbehagen in der Kultur?), stellt aber neue Bücher mit klugen und relevanten Analysen der Jetztzeit vor. Sie greift das gewachsene Aufklärungsinteresse, das in der Gesellschaft existiert, auf. So geht es bei der Veranstaltung im Kern um die Vermittlung von solidem Wissen über bedeutende Diagnosen unserer Zeit in der Form von einführenden und verständlichen Vorträgen mit anschließender Diskussion.