Vortrag Donnerstag, 08. Oktober 2015 in
Dresden

Alte und neue Legenden

70 Jahre Kriegsende. 20 Jahre Wehrmachtsausstellung. Das Ende des Mythos von der „sauberen Wehrmacht“ und die neuen Legenden.

Die Rechtsterroristen des sog. «NSU» Zschäpe, Boehnhardt und Mundlos in einer Nazidemo gegen die Wehrmachtsausstellung in Dresden im Januar 1998.
Urheber/in: dresden-nazifrei.com.
Datum, Uhrzeit
Donnerstag, 08. Oktober 2015, 20.00 Uhr In meinem Kalender speichern
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Siehe Veranstaltungsbeschreibung
Teilnahmegebühren
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Eintritt frei
Veranstalter/in
Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen - Weiterdenken

Vortrag & Diskussion mit dem Historiker Hannes Heer

Im März 1995 präsentierte das Hamburger Institut für Sozialforschung erstmals die unter Leitung von Hannes Heer realisierte Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, die vier Jahre lang in 34 deutschen und österreichischen Städten zu sehen war und von fast einer Million Menschen besucht wurde. Die Präsentation löste einen Schock aus: Sie zerstörte eine der Gründungslegenden der Bundesrepublik, wonach ausschließlich die SS für alle Verbrechen verantwortlich gewesen, die Wehrmacht aber in Erfüllung ihrer militärischen Pflicht «sauber und anständig» geblieben sei. Und sie erschütterte die Lebenslügen einer ganzen Generation.
Boykottaufrufe und Diffamierungskampagnen, Kontaktverbot für die Bundeswehr und Warnungen vor dem Besuch der Ausstellung für Schüler, Bombenattentate und Neonaziaufmärsche, aber auch ernsthafte Auseinandersetzungen in den Familien und zwischen den Generationen, Kritik an Geschichte und Traditionspflege der Bundeswehr und eine Neuorientierung der historischen Forschung waren die Folge.
Im Oktober 1999 wurde die Ausstellung wegen angeblich gefälschter Fotos zurückgezogen. Ein Jahr später kam eine internationale Historikerkommission in ihrem Untersuchungsbericht zu dem Ergebnis, dass diese Vorwürfe unberechtigt und die Befunde der Ausstellungsmacher korrekt waren. Das Hamburger Institut präsentierte trotz dieser Rehabilitierung der alten 2001 eine neue Ausstellung, in der die Tabus ausgespart und die Fotos der Landser nicht mehr vorkamen. Zu sehen waren Taten ohne Täter.
Hannes Heer zeigt, wie aus dieser Leerstelle neue Legenden ihren Ausgang genommen haben. Das lässt sich am Beispiel des Buches Soldaten von S. Neitzel und H. Welzer demonstrieren, in dem der Charakter von Hitlers «Weltanschauungskrieg» im Osten geleugnet und dessen Soldaten zu «normalen Kriegern» wie in jedem Krieg umgedeutet werden. In den populären Medien zeigen Fernsehfilme wie der Blockbuster Unsere Mütter, unsere Väter, dass der moderne deutsche Geschichtsfilm das traditionelle «Umschreiben der Geschichte» hinter sich gelassen hat und stattdessen die Geschichte «erfindet».

Hans Georg «Hannes» Heer war 1993 bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und zeichnete  für die erste Wehrmachtsausstellung verantwortlich. Seit seinem Ausscheiden dort arbeitet Heer als freier Autor, Herausgeber, Regisseur und Ausstellungsmacher. Unter anderem untersuchte er ab 2006 im Rahmen des Ausstellungsprojektes «Verstummte Stimmen» anhand der Opernhäuser Hamburg, Berlin, Stuttgart, Darmstadt und Dresden die aus rassischen und politischen Gründen erfolgte Vertreibung und Verfolgung von künstlerischem und technischem Personal im Dritten Reich.

Bild oben: Die Rechtsterroristen des sog. «NSU» Zschäpe, Boehnhardt und Mundlos in einer Nazidemo gegen die Wehrmachtsausstellung in Dresden im Januar 1998 (Bild: dresden-nazifrei.com).