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Donnerstag, 03. Juni 2021 16.00 Uhr – Sonntag, 27. Juni 2021, 19.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Ausstellung auf Kampnagel

Kein „Einzelfall“. Rechtsradikale Realitäten in Deutschland

Am Donnerstag eröffnet die Ausstellung zum Projekt  Kein "Einzelfall" auf Kampnagel mit historischen und zeitgenössischen künstlerischen Positionen zur Geschichte und Gegenwart rechter Diskurse und rechtsradikaler Gewalt in Deutschland.

Hanau, Halle und Kassel, die „NSU“-Morde und rassistische Pogrome in vielen deutschen Städten. Extrem rechte Strukturen in Polizei und Bundeswehr werden im Wochenrhythmus enttarnt. Die Liste der so genannten rechten „Einzelfälle“ ist lang und unübersichtlich, die Frage nach dem Ausmaß rechter, rassistischer, menschenfeindlicher Einstellungen in der Gesellschaft wird immer drängender. Der Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass rechte Gewalt und rechte Terrornetzwerke keineswegs neue Entwicklungen in der BRD sind, und dass sie auch kein regional begrenztes Problem darstellen.

Eine Ausstellung mit zeitgenössischen Raum- und Videoinstallationen sowie Arbeiten aus Videoarchiven macht diese Kontinuität rechtsradikal begründeter Gewalt erfahrbar. Die gezeigten Werke sind keine abstrakten Annäherungen, sondern klare künstlerische Konfrontationen mit Rassismuserfahrungen und rechtem Terror sowie den Leerstellen der juristischen, staatlichen und erinnerungskulturellen Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen. Sie erzählen aber auch vom Widerstand gegen diese rechtsradikalen deutschen Realitäten.

Mit Arbeiten von Mogniss H. Abdallah und Ken Fero, Vivet Alevi und Ulrike Hemberger, Cana Bilir-Meier, Ole-Kristian Heyer, Patrick Lohse und Marian Mayland, Katharina Kohl, Suat Ögüt sowie Hito Steyerl.

Ab sofort können Sie telefonisch unter +49 40 270 949-49, per Mail an tickets(at)kampnagel.de  einen Zeitslot für den Ausstellungsbesuch buchen. Während des Besuchs der Ausstellung müssen die allgemeinen Hygienevorgaben beachtet werden. (Abstand, Maske und Desinfektion). Aktuell benötigen Sie keinen negativen Coronatest-Nachweis.

 

Eine Veranstaltung von Kampnagel, Heinrich Böll Stiftung Hamburg und Metropolis Kino.  Mit Unterstützung von ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Buccerius, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Heinrich Böll Stiftung und Amadeu Antonio Stiftung. Gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.

 

Arbeiten:

(1) Cana Bilir-Meier: This makes me want to predict the past (2019, Einkanal-Video, 17 Min.)

Der Super 8-Film porträtiert eine Gruppe von migrantischen Jugendlichen am Münchner Olympia- Einkaufszentrum, wo während eines rassistischen Anschlags im Jahr 2016 neun Jugendliche mit Migrationshintergrund ermordet, viele weitere Menschen schwer verletzt wurden. Die Kamera folgt zwei Jugendlichen bei ihren alltäglichen Erkundungen des Einkaufzentrums, während sie ihre Träume und Hoffnungen, aber auch Ängste und Albträume thematisieren. Immer wieder werden dabei Fiktion und Realität miteinander vermischt, Szenen aus dem Theaterstück „ Düşler Ülkesi“ von 1982 aufgegriffen und unterschiedliche Zeitebenen überblendet.

The Super8 film with the title ‚This makes me want to predict the past’, portrays a group of migrant teenagers at the Munich’s Olympia shopping centre, where nine immigrant youths were murdered in a racist attack in 2016. The camera in the film follows two young teenagers while they address their dreams and hopes, as well as fears and nightmares. Fction and reality are mixed together, scenes from the play Düşler Ülkesi from 1982,are quoted, and time layers are blended. up and blended.

 

(2) Cana Bilir-Meier: Semra Ertan (2013, Einkanal-Video, 7:30 Min.)

Semra Ertan geboren 1956 in der Türkei, zog 1972 zu ihren Eltern in die Bundesrepublik Deutschland. Sie arbeitet als technische Bauzeichnerin und Dolmetscherin und schrieb über 350 Gedichte.1982 verbrannte sich Semra Ertan an der Ecke Ecke Simon-von-Utrecht-Straße/Detlev-Bremer-Straße in Hamburg-St. Pauli, um ein Zeichen gegen den Rassismus in Deutschland zu setzen. Sie war die Tante der Künstlerin, die diese persönliche Familiengeschichte behutsam aufgreift um Ertans Erfahrungen als Teil einer kollektiven Erinnerung und Geschichte zu verorten.

Semra Ertan was born in Turkey, 1956 and moved to her parents to the federal republic of Germany in 1972. She worked as a construction draftswomen as well as an interpreter and wrote over 350 poems.1982 Semra Ertan burnt herself in Hamburg to give a sign against racism in Germany.

 

(3) Hito Steyerl : Babenhausen (1997, Einkanal-Video, 4 Min.)

„Angesichts der Bilder sind wir der Meinung, dass kein Redebeitrag im Stande sein wird, das wiederzugeben was hier geschehen ist“, so der O-Ton auf einer Demonstration gegen Antisemitismus und Rassismus anlässlich des Brandanschlags auf das Haus des letzten in Babenhausen lebenden Juden am 1. Mai 1997.  Hito Steyerl zeigt exemplarisch an der Vernichtung jüdischen Lebens in Babenhausen, wie sich die kollektive Mentalität des Nationalsozialismus bis in unsere Gegenwart hinein fortsetzen.

"Confronted with these images, we feel that no speech will be able to reproduce what has happened here,” somebody said at a demonstration against anti-Semitism and racism on occasion of the arson attack on the house of the last Jewish citizen of a small town called Babenhausen. Hito Steyerl uses the example of the annihilation of Jewish life in Babenhausen to show how the collective mentality of National Socialism has continued into our present day.

 

(4) Hito Steyerl : Normalität (1,2,5,6,8) (1999-2001, 5 Einkanal-Vdeos, 18 Min.)

Was manche für normal erklären und was die Mehrheit als solches akzeptiert, bedeutet für andere mitunter konkrete Bedrohung. „Normalität“, eine Serie kurzer essayistischer Videos, verzeichnet alltägliche neofaschistische Gewalt als Instrument einer solchen "Normalisierung".
Sachlich aber insistierend berichtet Hito Steyerl detailreich von einer steigenden Zahl antisemitischer und rassistischer Anschläge im wiedervereinigten Deutschland und in Österreich - gegen Denk- und Grabmäler ebenso wie gegen Menschenleben.

What the majority accepts as "normal" can mean a threat to others. "Normalität", a series of short essayistic videos, lists everyday right-wing violence as an instrument of such "normalization". Hito Steyerl reports in great detail about an increasing number of anti-Semitic and racist attacks in Germany and Austria - against monuments, tombstones and against human life.

 

(5) Katharina Kohl: Personalbefragung (2018, Serie von Aquarell-Porträts)

Alle für die „Personalbefragungen“ ausgewählten Personen waren unmittelbar mit dem NSU-Komplex befasst. Manche stehen stellvertretend für staatliches Versagen, andere für erlittene Behinderung bei ihrer Ermittlungsarbeit. Die meisten von ihnen wurden als Zeugen in einem der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse geladen. Durch das Malen ihrer Porträts versucht die Künstlerin, mehr über sie zu erfahren.

All of the persons selected for the “personnel surveys” were directly involved with the NSU complex. Some represent the failure of the state, others represent the obstacles they have met in their investigative work. Most of them were called to witness on one of the parliamentary committees of inquiry. By painting her portraits, the artist tries to find out more about them.

 

(6) Katharina Kohl: Erinnerungslücken (2019, Zweikanal-Videoinstallation)

Die „Erinnerungslücken“ zeigen Ausschnitte aus Protokolltexten des ersten Untersuchungsausschusses des Bundestages zum NSU. Teile dieser Akten wurden im Druckverfahren geschwärzt. Ausgespart wurden lediglich jene Stellen, an denen die Zeugen sich nicht erinnern konnten oder wollten. Sprachliche Stilblüten, gewachsen durch die Vermeidung konkreter Aussagen, verbinden sich mit der mit vielen politischen Assoziationen verbundenen Schwärzung.

The “memory gaps” show excerpts from the first investigation report of the German parliament on the NSU. These were partially blackened in the printing process. Only those places where the witnesses could not or would not remember have been visible.

 

(7) Mogniss H. AbdallahGermany Ken Ferro: The Other Story (1991, Einkanal-Video, 31 Min.)

Eine kollektiv produzierte Videoarbeit, in der Ausländer*innen in Deutschland die aufgehetzte Stimmung und offene Gewalt im öffentlichen Raum dokumentieren und aufzeigen, welchen Gefahren sie alltäglich ausgesetzt sind. Neben Ratschlägen zur Selbsthilfe und Verteidigungstaktiken werden gemeinsame Überlegungen angestellt, wie es gelingen kann, das Ausmaß der Gewalttaten, Morde, sowie der institutionellen Diskriminierung durch das 1990 in Kraft getretene neue Ausländergesetz sichtbar zu machen.

A collectively produced film in which foreigners in Germany document the aggressive atmosphere and open violence and show the dangers they are exposed to on a daily basis. Advice on self-help and defense tactics are discussed. They dwell on the question, how acts of violence, murders and institutional discrimination caused can be made visible.

 

(8) Ole-Kristian Heyer Mairan Mayland Patrick Lohse: Dunkelfeld, (2020, Einkanal-Video, 17 Min.)

1984 brannte in Duisburg-Wanheimerort ein von Gastarbeiter*innen bewohntes Haus. Sieben Menschen kamen ums Leben. Viele weitere wurden teils schwer verletzt. Die Ermittlungsbehörden          gingen von einem Unfall aus. Schon damals fragten sich die Angehörigen, ob es wirklich Zufall war, dass        gerade ihr Haus in Brand gesetzt wurde. Gemeinsam mit der Initiative DU1984 kämpfen die Angehörigen und Überlebenden des Anschlags für eine Neubefragung des Falls und einen Ort des Gedenkens.

In 1984, a house inhabited by foreigners burned down in Duisburg-Wanheimerort. Seven people were killed. Many more were injured, some seriously. The investigative authorities assumed an accident while the relatives asked themselves whether it was really a coincidence that their house was set on fire. Together with the DU1984 initiative, the survivors of the attack are fighting to reopen the case.

 

(9) Suat Ögüt: Solidarity of the Memory (2016, Rauminstallation)

Die Installation repräsentiert das Gebäude an der Kreuzung von Keupstraße und Schanzenstraße in Köln. Die Fassade, bislang als Kulturgut und Teil des kollektiven Gedächtnisses des Viertels geschützt, wird durch Gentrifizierungspläne bedroht. Die Arbeit beschäftigt sich mit Fragen nach Erinnerung, Raum, Zeugenschaft und dem Verschwinden in historischen Zusammenhängen, indem sie die Fassade andernorts als Platzhalter entstehen lässt und die Widerständigkeit der Vergangenheit betont. So wird die Fassade zu einem Mahnmal und einem Raum, der an die Opfer rechter Gewalt in Deutschland erinnert.

The installation represents a building, that is situated on the cross section between Keupstrasse and Schanzenstraze in Cologne. The facade, which has so far been protected as the cultural heritage and the collective memory of the neighborhood, is now being confronted by forthcoming gentrification plans for the area. The work focusses on the notions of memory, space, testimony, and disappearance within a historical framework.

 

(10) Ulrike Hemberger Vivet Alevi: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde (1991, Einkanal-Video, 16 Min.)

Die Videoarbeit geht der Frage nach, ob und wie sich Rassismus – offen oder versteckt, strukturell oder individuell –  an einer deutschen Universität äußert. Im Vordergrund stehen die Erfahrungen ausländischer Studierender an der TU Berlin. Verschiedene Aspekte des Themas, von den Lehrinhalten und der Studienorganisation bis hin zur sozialen Situation werden angesprochen und zeigen, wie auch deutsche Bildungsinstitutionen rassistische Muster verinnerlicht haben.

The video work explores the question of whether and how racism is expressed at a German university. The focus lies on the experiences of foreign students at the TU Berlin. Various aspects of the topic, from the course content and the organization of studies to the social situation, are addressed and show how German educational institutions have internalized racist patterns.

 

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Veranstalter/in
Landesstiftung Hamburg