Diskussionsreihe Donnerstag, 05. September 2019 – Donnerstag, 10. Oktober 2019 /
Berlin

"Autoritärer Staat und Wege der Befreiung"

Lesekreis

Datum, Uhrzeit
Do., 05. Sep 2019, 19.00 Uhr  –
Do., 10. Okt. 2019, 21.30 Uhr In meinem Kalender speichern
Sprache
Deutsch
Veranstalter/in
Landesstiftung Berlin (Bildungswerk)
Rechtliches
Allgemeine Geschäftsbedingungen
In diesem Lesekreis wollen wir uns in Zeiten zunehmender autoritärer Tendenzen mit grundsätzlichen älteren, aber immer noch aktuellen Texten beschäftigen, die sich mit solchen Ursachen, als auch mit möglichen Wegen der Befreiung, auseinandersetzen. Seit den 20iger Jahren beschäftigt sich die Kritische Theorie (Frankfurter Schule) mit dieser Frage und so liegt es nahe, zu untersuchen, ob deren Gedanken auch für heute noch relevant sind. Da es für eine gesellschaftliche Perspektive der Veränderung notwendig ist, sich mit den Subjekten der Befreiung zu befassen, soll auch der Existentialismus Sartres Gegenstand des Lesekreises sein. In der letzten Sitzung des Lesekreises wird unsere Abschlußdiskussion eingeleitet durch ein Inputreferat von einem externen Referenten, der sich Gedanken über Wege der Befreiung im Hier und Jetzt gemacht hat. Seine Frage ist, wie eine über Klassenpolitik und Identitätspolitik hinausweisende Perspektive angegangen werden könnte, ohne diese beiden Bereiche zu ignorieren.

5.9. Max Horkheimer Autoritärer Staat (1940/42)

In diesem während des 2. Weltkriegs in den USA geschriebenen Text, versucht Horkheimer zu begründen, dass es eine globale Tendenz zum autoritären Staat gibt, als Krisenlösungsstrategie des Spätkapitalismus. Aufbauend auf Friedrich Pollocks Studien zum Staatskapitalismus, vertritt Horkheimer die These, dass mit dem Übergang zu den großen Monopolen die liberale Phase des Kapitalismus beendet ist und die Menschen immer mehr zu Anhängseln der großen bürokratischen Apparate werden. Dies gilt spiegelbildlich auch für die Sowjetunion, wenn auch aus anderen Gründen. Wenn auch nach Horkheimer selbst die „Feinde des autoritären Staates“ die Freiheit nicht mehr denken könnten, was sich als Zerstörung der Kommunikation auswirken würde, bliebe es dennoch die Aufgabe der kritischen Theorie, an deren Möglichkeit festzuhalten und die Notwendigkeit von revolutionärem Bruch und Spontanität der Massen deutlich zu machen.

12.9. Hans-Jürgen Krahl Zur Geschichtsphilosophie des Autoritären Staates (1968/69)

In diesem Text bezieht Krahl den Gedanken von Horkheimer auf die 68er Zeit und versucht die Aufgabe der Bewegung in einem möglichen Befreiungsprozess zu bestimmen. Gerade weil die Entwicklung der Produktivkräfte schon lange die materielle Basis für eine freie Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung erreicht hat, bedarf es nach Krahl der permanenten Staatsintervention um den Umschlagspunkt dorthin, zu verhindern. Repression und Sozialstaat sind beides Momente der Integration und Apathisierung der Massen, Ausdruck des autoritären Staates. Da die kapitalistische Phase von Konkurrenz und freien Bürgertum vorbei ist, braucht es nach Krahl eine neue revolutionäre Theorie, eine Theorie, welche die Gesellschaft unter dem Aspekt der Veränderbarkeit begreift - neu, da sich die Bedingungen verändert haben. Diese Theorie müsse an den Bedürfnissen der Menschen ansetzen und durch organisierte Praxis einen Weg aus der Ohnmacht entwickeln. Die zunehmend proletarisierten Kopfarbeiter*innen haben dabei eine wichtige Funktion als Teil des Gesamtarbeiters (Kopf- und Handarbeit gemeinsam). Eine zu schaffende Organisation als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis habe dabei nach Krahl die Aufgabe die Kämpfe zu reflektieren, als Gedächtnis zu fungieren und eine Strategie zu entwickeln.

19.9. Jean Paul Sartre „Fragen der Methode“ und Sven Oliveira Cavalcanti (sopos) Das Subjekt im Marxismus – Berührungen zwischen kritischer Theorie und Sartres Existentialismus (2005)

Auf Grund der zunehmenden Dogmatisierung des Marxismus macht Sartre in diesem Text deutlich, dass der Existentialismus als Subjektphilosophie notwendig ist, um die Möglichkeiten der Freiheit des Individuums gegen die alles determinierende Theorie aufrechtzuerhalten. Anders als in den 20er Jahren erkennt Sartre die Marxsche Theorie, den Klassenkampf und die Notwendigkeit der Revolution an, aber er kritisiert an dem bestehenden Marxismus den Mangel, sich mit dem Subjekt der Befreiung auseinanderzusetzen. Die autoritären kommunistischen Parteien trennen Basis und Führung, isolieren die Intellektuellen und machen die Menschen zu willfährigen Objekten – analog verfährt die entsprechende Theorie. Solange dies so sei, braucht es nach Sartre den Existentialismus als Korrektiv um die Spielräume der Freiheit des Individuums auszuloten. Lässt der Marxismus den Menschen in der Idee aufgehen, so sucht der Existentialismus „ihn überall, wo er geht und steht, bei seiner Arbeit, zu Hause und auf der Straße.“
Der zum 100. Geburtstag von Sartre entstandene Aufsatz von Cavalcanti vergleicht Sartre mit Marcuse besonders in Bezug auf ihren Blick auf das Subjekt und ihrer Kritik am herrschenden Marxismus. Er weist zahlreiche Parallelen nach und kommt zu dem Schluss, dass sowohl die kritische Theorie Marcuses, als auch die Sartres nur daher so eine Bedeutung gewonnen hätten, da die russische Revolution in Bezug auf die Freiheit des Subjekts gescheitert sei.

26.9. Herbert Marcuse Eine Revolution der Werte (1973) und Die 68er Bewegung – 10 Jahre danach (1978)

Nach der Niederlage der 68er Bewegung reflektiert Marcuse in zahlreichen Texten deren Scheitern und macht gleichzeitig stark, auf welchen Gebieten sie emanzipatorische Prozesse in Gang gesetzt hat. Die von ihr ausgelöste Kulturrevolution, eine Revolution der Werte, hat den verengten Blick auf das Industrieproletariat als revolutionärem Subjekt gesprengt und zahlreiche neue soziale Bewegungen entstehen lassen. Marcuse weist nach, dass in zahlreichen vergangenen Umbrüchen, eine Revolution der Werte einer wirklichen Revolution vorangegangen ist und versucht herauszufinden wie die zahlreichen Bewegungen zusammenkommen könnten. Bewusstseinsentwicklung ist sein Bezugspunkt und in seinem Text von 1978 fragt er ob es im herrschenden Bewusstsein Elemente gibt, mit denen die Auflösung des Systems der Bedürfnisse vorangetrieben werden kann, obwohl sie den objektiven Verhältnissen entsprechen. Er propagiert Demokratisierung und innere Transformation der kapitalistischen Produktion und Konsumtion bis zu dem Punkt, wo Quantität in Qualität umschlägt: „in das befriedete Dasein von Mensch und Natur.“

3.10. entfällt

10.10. Input-Vortrag für die Abschlussdiskussion mit einem externen Referenten um über Perspektiven der Befreiung heute nachzudenken.

„Klassenkampf versus Identitätspolitik - Kann es ein dazwischen geben?“


Viele Menschen sind misstrauisch gegenüber linker Politik. Die Abwendung von herkömmlich der Arbeiterbewegung nahestehenden Parteien oder auch den Gewerkschaften ist ein in ganz Europa wahrnehmbares Phänomen. Auf der anderen Seite wird in linken Kreisen häufig über die so genannte Identitätspolitik gesprochen. Damit ist gemeint, dass von dem Selbstverständnis der eigenen Identität ausgegangen wird, um zu schauen, wo gesellschaftliche Mängel liegen, die politisch geändert werden müssen. Obwohl in diesem Bereich immer wieder Erfolge erzielt werden, bleibt auch hier der Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen begrenzt. In dem Vortrag soll daher die Frage aufgeworfen werden, wie mit Begriffen von Zivilgesellschaft, Pluralität und Naturverhältnissen ein Weg zu denken wäre, in dem diese beiden Seiten nicht verloren gehen, gleichzeitig aber eine neue Perspektive gesellschaftlicher Entwicklung aufgemacht werden kann.

Seminarleitung: Micky Haque

Die Anmeldung gilt für alle fünf Sitzungen. Wir wünschen uns eine kontinuierliche Teilnahme an allen Terminen. Wegen der Teilnahmebegrenzung bitten wir nur um wirklich verbindliche Anmeldungen.

Realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.