Donnerstag, 02. März 2006 19.00 – 22.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Bilderstreit

Der Karikaturen-Konflikt und das Selbstverständnis liberaler Gesellschaften

Diskussion mit:<br> <b>Charles Taylor</b>, Professor em. für Philosophie an der McGill University, Montreal, z.Zt. Wissenschaftskolleg Berlin<br> <b>Katajun Amirpur</b>, Islamwissenschaftlerin und Autorin<br> <br> <b>Mariam Lau</b>, Die Welt <br><b>Erkan Arikan</b>, WDR, Funkhaus Europa <br> <br> <b>Moderation</b>:<br> <b>Ralf Fücks</b>, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung<br><br> In dem Konflikt um die Karikaturen lassen sich viele Interessen identifizieren. Wir sind konfrontiert mit einer identitätsstiftenden Funktion von Religion in der islamischen Welt, die uns in Europa weitgehend fremd geworden ist. Wir erleben eine massive Instrumentalisierung des Konflikts durch arabische Despoten von Syrien bis zum Iran. Wir erleben ein rechtspopulistisches Klima (nicht nur) in Dänemark mit offenen Anfeindungen gegen Migranten aus muslimischen Ländern. Wir erleben, wie sich ein tiefsitzendes Gefühl der politischen, ökonomischen und kulturellen Demütigung durch "den Westen" eine Projektionsfläche sucht. Und wir erleben, wie der Islamismus als gut vernetzte internationale Bewegung funktioniert, die zugleich in den Dienst des Nationalismus gestellt wird.<br><br> Neben all diesen aktuellen Konflikten, die das Potential eines veritablen "clash of civilisations" in sich bergen, scheint jedoch auch die alte, tiefer liegende Frage nach dem Selbstverständnis liberaler Gesellschaften auf. Verteidigen wir Presse- und Meinungsfreiheit als universelle Werte? Oder verteidigen wir sie nur als spezifische Ausprägung liberaler Demokratien des Westens? Wie könnte ein Weg aussehen zwischen einem Kulturrelativismus, der elementare demokratische Freiheiten zur Disposition stellt, und einem Kulturimperialismus, der den westlichen way of life zum alleingültigen Modell erklärt? Wie könnte ein Universalimus aussehen, der sich selbst beim Wort nimmt und damit auch einen reflexiven Abstand zur Kultur des Westens gewinnt?<br><br> Das Unbehagen der Islamisten gegen die liberale Gesellschaft findet sich in abgeschwächter Form auch als Konflikt in den liberalen Gesellschaften selbst - sei es von christlicher, sei es von postmoderner Seite. Kein Staat ohne Fundierung durch religiöse Werte? Respekt vor religiösen Gefühlen als Bedingung des öffentlichen Friedens? Multikulturalismus als Koexistenz kollektiver kultureller Identitäten? Vielleicht liegt in diesen Fragen auch ein Grund für die Zurückhaltung bei der Verteidigung der Pressefreiheit als konstitutives Element liberaler Gesellschaften etwa von Seiten der Bush- Regierung, aber auch in Deutschland. <br><br> Die Freiheit des Wortes, der Kunst, der Lebensstile in modernen Gesellschaften ist nicht nur ein großes Versprechen, sondern auch eine Zumutung, das aus eigener Sicht "Falsche" zu tolerieren, soweit damit nicht die Freiheiten anderer beschnitten werden. Eine Erwartung, die nicht bei allen auf Begeisterung stößt und sich deshalb zu ihrer Verteidigung nochmals auf ihre guten Gründe besinnen muss. Dazu soll diese Veranstaltung beitragen.<br><br> <b>Charles Taylor</b>, Professor em. für Philosophie an der McGill University, Montreal, gehört zu den einflussreichsten Vertretern der politischen Philosophie der Gegenwart. Taylor veröffentlichte u.a. 1995 bei Suhrkamp das Buch "Das Unbehagen an der Moderne" und 2001 "Die Formen des Religiösen in der Gegenwart".
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