Donnerstag, 11. Dezember 2008 19.00 – 21.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Brasilien: Vorreiter in der HIV/AIDS-Politik?

Kritische Bewertung aus der Sicht von Betroffenenorganisationen

Mit: 
Harley Nascimento, GAPA-Bahía, Salvador, Brasilien

Moderation:
Andreas Wulf, Medico International, Frankfurt am Main

Brasilien gilt in Lateinamerika als eines der Länder, in dem die staatlichen und privaten Bemühungen um die Eindämmung der AIDS-Epidemie Erfolge gezeigt haben. Das 1994 in Gang gesetzte nationale Programm zur HIV/AIDS-Vorbeugung und -Bekämpfung hat zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen Staat und zivilgesellschaftlichen Organisationen geführt. Seit 1994 ist die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen konstant geblieben und die der AIDS Toten zurückgegangen. Damit hat Brasilien – neben Cuba – mit seinem AIDS-Programm, das allen Betroffenen die Versorgung mit retroviralen Medikamenten ermöglicht, in den Ländern des globalen Südens eine Sonderstellung eingenommen.

Trotzdem kann angesichts fehlender personeller und finanzieller Ressourcen im brasilianischen Gesundheitssystem und der letztlich geringen Wertschätzung der AIDS-Hilfe im Kontext der medizinischen Vorsorge und Versorgung von einem Rückgang der Bedrohung durch den Virus kaum die Rede sein. Während zunächst städtische Homosexuelle, Prostituierte sowie Drogenabhängige als besonders gefährdet galten, wird in den letzten Jahren eine Erhöhung der HIV-Infektionsrate bei ärmeren Bevölkerungsschichten, Frauen sowie Kindern und Jugendlichen aus dem Landesinneren beobachtet. Sie verfügen in der Regel über weniger gute Voraussetzungen, um sich zu informieren, zu schützen oder zu beraten.

Die brasilianische HIV-AIDS-Politik wirft aber auch Fragen nach der allgemeinen Gesundheitspolitik und dem Gesundheitswesen Brasiliens auf. Auch sechs Jahre nach dem Amtsantritt von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva steht der armen Bevölkerung die zwar kostenlose, aber oftmals völlig unzureichende öffentliche Gesundheitsvorsorge zu Verfügung. Im Widerspruch zwischen einer fortschrittlichen Sozialpolitik und einer restriktiven Wirtschafts- und Finanzpolitik konnten einige Erwartungen nicht erfüllt werden. In neun von zehn Kommunen gibt es nach wie vor nur eine ambulante Grundversorgung.

Die Gruppe zur Unterstützung der AIDS-Prävention GAPA-Bahía (Grupo de Apoio à Prevenção à AIDS) ist 1988 entstanden und setzt sich für die Umsetzung einer effizienten AIDS-Politik in Brasilien ein. Dabei versucht sie, die Schichten der Bevölkerung mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung in ihrer Strategie einzubeziehen, die sich in einer besonders prekären sozialen Situation befinden.