- Donnerstag, 08. Dezember 2005 20.00 In meinem Kalender speichern
China - Auf dem Weg zur Supermacht?
<b>Helmut Forster-Latsch</b>, Sinologe,
Übersetzer, Autor, Frankfurt a. M. im
Gespräch mit <b>Dr. Karl Grobe-Hagel</b>
Redakteur, Frankfurter Rundschau<br><br>
China ist in Bewegung und steht nicht nur
im Westen im Blickpunkt des öffentlichen
Interesses. Öffnung und Stabilität heißen
die beiden neuen Richtlinien der
chinesischen Staats- und Parteiführung, die
dem Land so viel Aufmerksamkeit wie Erfolge
bescheren. Große europäische, amerikanische
und asiatische Unternehmen investieren im
großen Stil und verlegen bedeutende Teile
ihrer Produktionskapazitäten und
Aktivitäten in das Reich der Mitte. Chinas
Bedeutung in der Weltwirtschaft hat deshalb
enorm zugenommen.<br><br>
Auch auf dem internationalen Parkett ist
die chinesische Diplomatie höchst aktiv.
Mit Russland wurden die lange währenden
Grenzstreitigkeiten durch Unterzeichnung
eines Grenzabkommens am 2. Juni 2005
beigelegt. Und mit Indien wurde kurz zuvor,
am 11. April, ein Protokoll unterzeichnet,
in dem der Umgang mit den seit 1962
andauernden Grenzstreitigkeiten geregelt
wird. Intensive Reisediplomatie in die
Nachbarländer, verbunden mit vielen
finanziellen Wohltaten, hat Chinas Ansehen
und Einfluss steigen lassen. Nicht zuletzt
die starke Präsenz der USA in der
zentralasiatischen Region soll auf diese
Weise zurückgedrängt werden.<br><br>
Die chinesischen Produktionsverhältnisse
könnten sich gegenwärtig leicht in eine
Fessel der Produktivkräfte verwandeln oder
anders ausgedrückt: Die Entwicklung des
Landes zu einer Weltmacht könnte an der
politschen Diktatur in Gestalt der KP
Chinas scheitern oder aber umgekehrt: die
politischen Verhältnisse könnten sich
ändern und die daraus zwangsläufig
resultierende Instabilität die großen
Entwicklungshoffnungen zum Scheitern
bringen. Im Hinblick auf dieses mögliche
Scheitern gibt es besonders im
Sozialbereich schon die ersten Anzeichen:
Das Gesundheitssystem ist wegen der hohen
Kosten praktisch für arme, aber auch für
gut verdienende Chinesen nicht zugänglich -
die Redewendung "Zu Hause auf den Tod
warten" ist schon Bestandteil allgemeine
Redewendungen geworden; das Heer der
nirgendwo versicherten, nirgendwo fest
angestellten "Wanderarbeiter" steigt von
Jahr zu Jahr auf mittlerweile geschätzte
200 Millionen Menschen; die Umweltprobleme
haben zwar ein Umdenken in der politischen
Führung bewirkt, sind aber über Jahrzehnte
hinaus eine schwere Hypothek, die mit dem
scheinbar grenzenlosen Wirtschaftsboom
ständig größer wird. Über diese und andere
Aspekte des "chinesischen Wunders"
berichtet Helmut Forster-Latsch.
Heinrich-Böll-Stiftung Hessen
- Veranstalter*in
- Landesstiftung Hessen