Diskussionsabend
- Dienstag, 20. September 2016 20.00 – 22.00 Uhr In meinem Kalender speichern
Das Unbehagen in der Kultur des Spätkapitalismus
Die verdrängte Lebenskunst. Wie das Wissen von der menschlichen Willensfreiheit heute neu entdeckt wird
„Der Mensch kann immer etwas aus dem machen, was man aus ihm macht… Freiheit ist jene kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bestimmten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt“ schrieb Jean-Paul Sartre. Sartres Sicht ist ebenso nüchtern („kleine Bewegung“) wie existenzialistisch („immer“) und durch seine eigene Erfahrung im politischen Engagement befestigt. Politisches Handeln setzt einen Begriff persönlicher Freiheit voraus. Dagegen stellt der Angriff auf die menschliche Willensfreiheit, wie er heute zum Beispiel von den Neurowissenschaftlern Gerhard Roth und Wolf Singer betrieben wird, eine implizite Vergeblichkeitserklärung dar.
Politisch Aktive oder sozial Engagierte gehen selbstverständlich davon aus, dass sie von ihrer Entscheidungsfreiheit, ihrem Vermögen zur Empathie oder ihrer Urteilskraft freien Gebrauch machen. Sie tun es einfach und artikulieren ihr Begehren im Bewusstsein, etwas in Bewegung bringen zu können. Für Roth und Singer ist ein solches selbstbewusstes Verständnis von Entscheiden und Handeln eine Illusion: in determinierten neuronalen Prozessen des Gehirns seien die Handlungen, die aus freier Wahl entsprungen zu sein scheinen, bereits vorgeprägt. Im Alltag kann man nun immer wieder beobachten, dass Vorstellungen (wie diffus auch immer) von einer Determinierung menschlichen Agierens durchaus verbreitet sind. Darin besteht die eigentliche Herausforderung einer Auseinandersetzung mit dem neuro-wissenschaftlichen Determinismus: er ist wirksam in unseren Lebenswelten, auch wenn Experten ihn längst dekonstruiert haben. Im Rückgriff auf die exzellente Studie von Joachim Bauer „Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens“ können wir begreifen, warum das Unbehagen, das ganz und gar unseriöse neuromythologische „Beweisführungen“ erzeugen, uns schlicht nicht im Mindesten irritieren sollten.
Bedeutsam ist Joachim Bauers auch, weil es weiter geht als Sartres freiheitlicher Existenzialismus: er fragt nämlich nach einer Lebenskunst, die es uns ermöglicht zu lernen, wie wir von unserer Willensfreiheit einen besseren Gebrauch machen können. Dafür ist ein Blick auf die Funktionen der zwei verschiedenen neurobiologischen Systeme des Menschen nötig: Das Basis- oder Triebsystem ist die Grundlage für spontane, emotionale und triebhafte Impulse. Es signalisiert uns, was wir mögen, uns schmeckt, sich gut anfühlt, aber auch wovor wir Angst haben, welche Schmerzen, Gefahren oder einfach nur Unlust wir meiden. Übergeordnet ist ihm eine Art Kontrollsystem, dessen Adresse das Stirnhirn, der Präfrontale Cortex ist. Es versetzt den Menschen in die Lage, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren, äußere und innere Ablenkungen auszublenden, gleichzeitig mehrere Aspekte einer Situation im Gedächtnis präsent zu halten und besitzt eine große Flexibilität. Noch spektakulärer ist seine Rolle für die soziale Kompetenz. „Mithilfe des Präfrontalen Cortex können wir Vorstellungen, sozusagen innere Bilder, von anderen Menschen entwickeln. Dazu gehört auch, die Perspektive dieser anderen einnehmen zu können – insbesondere sich vorstellen zu können, wie sich das, was ich selbst tue, aus der Sicht der anderen darstellt“, so Bauer. Sofern wir gute Erfahrungen mit anderen machen, können wir in Verbindung mit dem Belohnungssystem des Gehirns Glücksgefühle freisetzen, die unsere soziale Verbundenheit befestigen. Solche Glückserfahrungen sind auch Ausdruck einer gelingenden „Zusammenarbeit“ der beiden neurobiologischen Systeme.
Menschen verarbeiten alle von außen und aus dem eigenen Inneren eintreffenden Reize in Prüfungs- und Bewertungsprozessen, bevor sie mit dem eigenen Verhalten reagieren - einem starting point jeder Selbststeuerung. Dafür ist keineswegs immer ein komplexes Nachdenken erforderlich, denn der Körper reagiert als ganzer schnell auf Ereignisse und Empfindungen. „Aber ein Teil der biologischen Selbstorganisation spielt sich auf einer Bühne ab, die wir Bewusstsein nennen“, und zwar der Teil, bei dem die Erfahrungen und Reize zum Gegenstand unserer Nachdenklichkeit werden. Die menschliche Fähigkeit, in einer gegebenen Situation unterschiedliche Verhaltensoptionen zu entwerfen, ihre jeweiligen Folgen zu antizipieren und sie gegeneinander abzuwägen, erzeugt die Freiheitsgrade des Verhaltens - den freien Willen. Ihn zu erfahren, hat einen Lust-Faktor. Kurzum: Willensfreiheit existiert (allein), wo wir von ihr Gebrauch machen.
Der Vortrag behandelt anschließend an eine Einführung in Joachim Bauers Buch dessen Überlegungen zu fünf zeitdiagnostischen Themen:
- Triebbasis des Konsumkapitalismus: das Reiz-Reaktionsverhalten überwältigt die Selbststeuerung
- Das Unbewusste als Kooperationspartner des freien Willens
- Was heißt: Förderung gelingender Selbststeuerung in Erziehung und Schule?
- Empirische Daten zu Selbststeuerungskompetenzen in Deutschland
- Der freie Wille im politischen Handeln: ein dialogischer, Erkenntnis suchender sozialer Akteur.
Die Veranstaltung kombiniert theoretische Grundlagen mit der Diskussion aktueller, besonders „hautnaher“ Beobachtungen zum Unbehagen in unserer spätkapitalistischen Kultur, da es um Alltagsutopien selbstbestimmten Lebens geht, die sowohl die Entwürfe des personalen Selbst in Bewegung bringen wie sie politisches Handeln nicht allein als zielorientiert wahrnehmen, sondern auch als Bestandteil sozialer Verbundenheit empfinden können.
Dienstag, 20. 09. 2016, 20h, Sebastianstr. 21
Seminarleiter: Dr. Wolfgang Lenk
Die Veranstaltung wird realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.- Veranstaltungsreihe
- Reihe: Das Unbehagen in der Kultur des Spätkapitalismus
- Adresse
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Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Olivaer Platz 16
10707 Berlin
- Veranstalter*in
- Landesstiftung Berlin (Bildungswerk)
- Teilnahmegebühren
- - frei -