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Tagung

Montag, 22. Mai 2023 10.00 – 21.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Tagung

Dekolonisiert Euch! Geschichtsschreibung in und über Südost- und Osteuropa im Paradigmenwechsel

11. Europäisches Geschichtsforum

Der andauernde Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die vor allem in Westeuropa intensiv geführte Debatte um die historische Auseinandersetzung mit dem imperialen Erbe der ehemaligen europäischen Großmächte auf dramatische Weise erweitert und aktualisiert. Putins neoimperiale Vision der Wiedererrichtung Russlands als „euroasiatische Großmacht“ zeigt deutlich, dass Imperialismus und Kolonialismus keine Phänomene aus vergangenen Jahrhunderten sind. Zugleich haben die Ereignisse der letzten Jahre die in Politik, Wirtschaft, Medien, aber auch in Kultur- und Gesellschaftswissenschaften Westeuropas jahrzehntelang dominierende Fokussierung auf Russland als Ergebnis kolonialer Denkmuster bloßgestellt: als tief verwurzelte Ignoranz gegenüber der politischen, kulturellen und historischen Diversität Osteuropas.

Doch auch der Blick auf „Ost- und Südosteuropa“ insgesamt als eine dem „übrigen Europa“ nachgelagerte und seine Entwicklung „nachholende“ Region ist unter post-kolonialistischer Perspektive in die Kritik geraten. Sind die Zeiten wirklich vorbei, in denen „Balkanisierung“ nicht nur als Bezeichnung für die Auflösung des Osmanischen Imperiums in verschiedene Nachfolgestaaten gebraucht wurde, sondern mit Chaos, Gewalt, Rückständigkeit und Brutalität gleichgesetzt und einem „zivilisierten“ Europa entgegengestellt wurde? Gilt nicht noch immer die Vorstellung, dass wir in Osteuropa „einen Rückfall in eine längst überwunden geglaubte Vergangenheit“ erleben? Und birgt die aktuelle geopolitische Diskussion über Südosteuropa als „potenzielles Einfallstor russischer, chinesischer und türkischer Interessen“ nicht auch die Gefahr, Eigenständigkeit, Interessen und Perspektiven südosteuropäischer Gesellschaften unterzubewerten?

Das diesjährige Europäische Geschichtsforum soll untersuchen, ob und in welcher Weise die internationale Diskussion über Dekolonisierung für die Geschichtsschreibung Ost- und Südosteuropa relevant und produktiv sein kann. Für ein Überdenken des eigenen Standpunkts, für neue methodische Herangehensweisen und neue Forschungsthemen.

  • Welchen Beitrag kann Geschichtswissenschaft in und über Ost- und Südosteuropa leisten, um fortbestehende koloniale Denkmuster aufzubrechen?
  • Welche Chancen, welche Gefahren birgt die Deutung ost- und südosteuropäischer Geschichte in Begriffen von Imperialismus und Kolonialismus?
  • Wie kann sie integriert werden in die internationale Forschung zum Thema? Wie setzt sich moderne Geschichtsschreibung in verschiedenen Staaten der Region mit imperialem Erbe als verbindender historischer Klammer auseinander?
  • Und wie grenzt sich unabhängige Geschichtswissenschaft davon ab, einmal mehr in den Dienst politischer Agenden gestellt zu werden?

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Die gemeinsam von der Heinrich-Böll-Stiftung und ihrer langjährigen Partnerorganisation und Friedensnobelpreisträgerin von 2022, Memorial International, ins Leben gerufene Initiative "Europäisches Geschichtsforum" will vor allem jüngeren Historiker*innen, Museumsmitarbeiter*innen und Aktiven aus Medien und Nichtregierungsorganisationen aus der Region eine Möglichkeit zum Austausch bieten. Auf diese Weise soll ein gesamteuropäischer Diskurs über Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik gefördert werden. Gleichzeitig richtet sich das Forum an alle, die sich beruflich, ehrenamtlich oder privat kritisch mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer Vermittlung auseinandersetzen.

Eine Kooperation der Heinrich-Böll-Stiftung mit Memorial International.

Mit:

  • Franziska Davies, Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Maia Barkaia, Georgian Institute of Public Affairs (GIPA)
  • Radina Vučetić, Universität Belgrad
  • Nemanja Radonjić, Universität Belgrad
  • Botakoz Kassymbekova, Universität Basel

und anderen.

Information: Nina Happe, Referat Ost- und Südosteuropa, Heinrich-Böll-Stiftung
E-Mail: happe@boell.de
Telefon +49 (0)30 285 34 - 384

Zeitzone
Berlin Paris Amsterdam Warsaw Prague
Adresse
Heinrich-Böll-Stiftung - Bundesstiftung Berlin
Schumannstr. 8
10117 Berlin
Veranstalter*in
Heinrich-Böll-Stiftung - Bundesstiftung Berlin
Sprache
Englisch