Montag, 21. Januar 2008 18.00 – 22.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Der Intimfeind - Verlust und Wiederaneignung der Persönlichkeit im Kolonialismus

Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Ashis Nandy:
Der Intimfeind.
Verlust und Wiederaneignung der Persönlichkeit im Kolonialismus.
Mit einer Einleitung zur Rezeption von M.K. Gandhis libertärem Anti-Kolonialismus

Im Sommer 2007 jährte sich zum 60. Mal die Unabhängigkeit Indiens, am 30. Januar 2008 zum 60. Mal die Ermordung Gandhis (1869-1948). Ist also die Epoche des Kolonialismus längst zu Ende, nur noch ein Relikt der Geschichte? Ist die Entkolonialisierung ein abgeschlossener Vorgang?
Ashis Nandy hat einen sozialpsychologischen Begriff von Anti-Kolonialismus, nach dem der Kolonialismus sowohl die Kolonisierten wie auch die Kolonisierenden psychisch schädigt. Besonders maskuline, kriegerische, disziplinierende, vereinheitlichende, fortschrittsgläubige, produktionsorientierte – kurz: modernistische – Werte und Verhaltensweisen werden durch den Kolonialismus gefördert. Terroristische und gewaltsame Varianten des Anti-Kolonialismus reproduzieren diese kolonialen Werte in Bewusstsein, Verhalten und Kampfformen der Kolonisierten, auch noch in post-kolonialen Gesellschaften. Aus dieser Ebene mit gemeinsamem Spieler und Gegenspieler innerhalb des kolonialen Wertekanons schert der Anti-Kolonialismus M.K. Gandhis aus, indem er sich von maskulin-kriegerischen Werten abkehrt und aus androgynen, femininen und nicht-kriegerischen Traditionen Indiens sowie der hybriden, anarchischen Tradition des Hinduismus die indigene Widerstandsform der gewaltfreien Aktion (Satyagraha) kreiert. Auf der Basis dieser Widerstandstradition nimmt diese Konzeption Gandhis auch alternative, unterdrückte, nicht-kriegerische, „sanftere“ Strömungen im Lande des Kolonisators, in Großbritannien bzw. im Westen, wahr und verbündet sich mit ihnen (z.B. non-konformistisches Christentum in Person von C.F. Andrews; George Orwell; Oscar Wilde; Virginia Woolf/Bloomsbury Group usw.).
So sitzt der Anti-Kolonialismus Gandhis keinem kulturellem Relativismus auf, sondern wird zu einem alternativen Universalismus. Darin liegen die Stärke und die Radikalität des Anti-Kolonialismus M.K. Gandhis.
Ashis Nandy war mit diesem Ansatz in Indien in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts Teil einer Welle sogenannter „Indigenists“ oder „kritischer Traditionalisten“ innerhalb der post-kolonialen Gandhi-Rezeption, die der indischen Tradition in ihrer Begegnung mit der europäischen Moderne wieder mehr Relevanz zugesprochen haben. Gleichzeitig stellte sein Ansatz auf kultureller Ebene einen Gegenpol zum damals wiedererstarkenden maskulinen, kriegerischen, anti-hybriden und religiös-fundamentalistischen Hindu-Nationalismus der höheren Kasten dar und ist als solche für Indien nach wie vor von Bedeutung.

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