Mittwoch, 30. September 2009 18.00 – 20.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Die vergessene Aufarbeitung

60 Jahre Leipziger Prozesse um die nationalsozialistischen Verbrechen in Kamienna und Czestochowa

2009 jährt sich ein bedeutendes, aber weitgehend unbekanntes Ereignis: Vor 60 Jahren fanden in Leipzig die Prozesse wegen der Verbrechen im Leipziger Rüstungskonzern «HASAG», (Hugo Schneider AG) statt. Angeklagt waren Angestellte des Betriebs,die an Selektionen, Massenerschießungen und Misshandlungen
von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen beteiligt waren. Leipzig war ein Zentrum der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie. Hier wurden Jagd- und Bombenflugzeuge hergestellt, und mit der «HASAG» war einer der größten deutschen Rüstungsbetriebe in Leipzig ansässig. Der Konzern produzierte vor allem Munition und Panzerfäuste und beutete dazu zehntausende KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus.
Nach dem Überfall auf Polen übernahm der Konzern die Werke in Skarzysko-Kamienna und Czestochowa. Tausende polnische Jüdinnen und Juden wurden dort in werkseigenen Häftlingslagern eingepfercht und mussten ohne jeglichen Schutz mit hochgiftigen Chemikalien arbeiten. Unterversorgt und von den deutschen Angestellten misshandelt, überlebten viele diese Zustände nicht. Unzählige wurden Opfer der regelmäßig vom Werkspersonal durchgeführten Selektionen und Massenerschießungen gleich neben dem Werksgelände.
Nach dem Kriegsende kam es zu umfangreichen Ermittlungen gegen die Täter und Täterinnen, Ende 1948 bis Mitte 1949 wurden die Leipziger Prozesse geführt. Während der «Kamienna-Prozeß» in der Baumwollspinnerei stattfand, war das ehemalige Reichsgericht der Verhandlungsort des «Tschenstochau-Prozesses». Zahlreiche Zeugen und Zeuginnen wurden gehört und am Ende die Urteile gesprochen. Acht Todesurteile wurden gefällt, es gab zudem hohe Gefängnisstrafen, nur wenige wurden freigesprochen.
Die Prozesse zählten zu den größten Verfahren gegen Nazi-Verbrechen in Ostdeutschland und zeichneten sich trotz der Ungeheuerlichkeit der Taten durch einen rechtstaatlich fairen Verlauf aus. Sie stehen damit in einer Reihe mit dem Euthanasie-, dem Einsatzgruppen- und dem Auschwitzprozess. Dennoch ist dieser Fall der Aufarbeitung von NS-Verbrechen heute weitgehend
vergessen. Die Veranstaltung ist ein Angebot, diese Lücke zu schließen und über die «HASAG», die Verbrechen in Kamienna und Czestochowa und die Leipziger Prozesse zu informieren.
Vortrag:
Dr. Andrea Lorz (Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig)
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