Mittwoch, 16. November 2005 19.00 – 21.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Grenzgänge: 1. Das Ende der Endlichkeit

Leben und Sterben heute

Mit dem medizinischen Fortschritt unserer Tage hat die Auflehnung des Menschen gegen die eigene Vergänglichkeit eine neue Dimension angenommen: Zell- und Hormonforscher kommen dem Alterungsprozess auf die Schliche, Genfahnder wollen Krankheiten im »Keim« ersticken. Die Apparate-Medizin dehnt die Lebensspanne des Menschen nahezu beliebig aus. Der Kampf um »Unsterblichkeit« geht in eine neue Runde. Die einstige Gewissheit, dass die von der Evolution diktierte Lebensgrenze unverrückbar sei, scheint widerlegt. Bislang sieht es allerdings oft so aus, als verlängerte der medizinische Fortschritt weniger das Leben als vielmehr nur das Sterben. Früher wurde der Mensch vergleichsweise jung und plötzlich aus dem Leben gerissen, was ihn von Unsterblichkeit träumen ließ. Heute beendet der Tod häufig nur ein langes Leiden. Die Unsterblichkeitsidee wird zur Schreckensvision, wenn lebensverlängernde lediglich leidensverlängernde Maßnahmen sind. Zugleich werden Gebrechen, Alter und Tod zunehmend als vermeidbare Übel interpretiert, über die man ungern spricht. Von einem souveränen Umgang mit dem Tod kann in unserem Kulturkreis kaum die Rede sein. So findet Sterben heute zumeist hinter Türen von Pflegeheimen und Krankenhäusern statt. Das derzeit gravierendste ethische Problem ist das der menschlichen Autonomie »bis in den Tod«. Muss, wer an ein Recht auf Selbstbestimmung bis zuletzt glaubt, nicht auch dafür plädieren, dass jeder Mensch den eigenen Todeszeitpunkt, notfalls durch Bitte um Sterbehilfe, frei bestimmen darf? Damit ist ein Grundsatzstreit über die Frage entfacht, was unter einem »menschenwürdigen Sterben« zu verstehen ist. <br> <br> Hauptvortrag:<br> <b>Ludger Honnefelder</b>, Institut für Wissenschaft und Ethik, Bonn<br><br> Kommentare:<br> <b>Prof. Christina v. Braun</b>, HU Berlin / Grüne Akademie<br> <b>Ralf Stoecker</b>, Universität Potsdam<br><br>Moderation: <b>Ralf Fücks</b>, Heinrich Böll Stiftung