Dienstag, 26. Mai 2009 19.00 – 21.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Heimat und keine

Heinrich Böll und Jenny Aloni im Briefwechsel über das Judentum in Deutschland nach 1945

«Menschen sind wohl nur da halbwegs zu Hause, wo sie Wohnung und Arbeit finden, Freunde und Nachbarn gewinnen. Die Geschichte des Ortes, an dem einer wohnt, ist gegeben, die Geschichte der Person ergibt sich aus unzähligen Einzelheiten und Erlebnissen, die unbeschreiblich und unwiederbringlich sind.»
So schreibt Heinrich Böll 1965 in seinem Essay «Heimat und keine».

Jenny Aloni und Heinrich Böll, beide im Jahr 1917 geboren, haben als Jugendliche ihre Schulzeit im Nationalsozialismus erlebt. Jenny Aloni geb. Rosenbaum in Paderborn, Heinrich Böll in Köln. Nach dem Abitur wanderte Aloni nach Palästina aus und begann in Jerusalem ein Studium, das sie aber 1942 unterbrach, weil sie der britischen Armee im Lazarettdienst beitrat. Jenny Alonis Eltern und ihre Schwester blieben in Deutschland und wurden von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Heinrich Böll war nach seinem Abitur - sozusagen vom ersten bis zum letzten Tag des Krieges - Soldat der deutschen Wehrmacht.

Bis zu ihrem Tod 1993 korrespondierte die israelische Schriftstellerin Jenny Aloni zunächst mit Heinrich Böll (gest. 1985), später mit Bölls Ehefrau Annemarie über berufliche, historische, zeitgeschichtliche, politische, gesellschaftliche und persönliche Angelegenheiten und Fragen.
Beide setzten sich nicht nur in den Briefen, sondern auch in ihrem Werk mit dem Heimatbegriff auseinander und erörtern in verschiedenen Publikationen die Schuldfrage. In den Briefen äußern sie sich unter anderem über das Judentum im Nachkriegsdeutschland, den Eichmannprozess und die Restauration in der Bundesrepublik.

100 Jahre nach der Grundsteinlegung für die Synagoge in Görlitz  und 50 Jahre nach der Gründung der Bibliothek Germania Judaica unter Beteiligung von Annemarie und Heinrich Böll stellen wir diesen Briefwechsel in Auszügen vor. Markus Schäfer vom Heinrich-Böll-Archiv in Köln führt in Zeit und Umfeld ein und steht im Anschluss an die Lesung für eine Diskussion zur Verfügung.

Damit wollen Weiterdenken und der Förderkreis dazu beitragen,  das Gebäude der ehemaligen Synagoge mit Rücksicht auf religi- öse Bedürfnisse der Jüdinnen und Juden in Görlitz zu einem Ort  der Begegnung und des Austausches über jüdische Geschichte,  Religion und Kultur, aber auch zur politischen Kultur von Ver- ständnis, Toleranz und Zivilcourage zu machen. Wir beginnen  mit diesem Abend eine Reihe, die sich darüber hinaus auch mit  Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der mitteleuropäischen  Region Oberlausitz-Böhmen-Schlesien beschäftigen wird.

Vortrag:
Markus Schäfer
Heinrich-Böll-Archiv Köln
Lesung:
Markus Schäfer
Anett Böttger