Donnerstag, 08. Januar 2009 18.15 – 19.45 Uhr In meinem Kalender speichern

Hochschule und symbolische Gewalt. Wie „Qualität“ Machtverhältnisse verschleiert und Qualität reduziert

Projekt Alternative Denkräume | Ringvorlesung WS 2008/09

Lars Schmitt, Philipps-Universität Marburg

Die deutschen Hochschulen unterliegen offensichtlichen Wandlungsprozessen. Dabei stellt der Begriff ‚Wandlung’ bereits eine Verschleierung von größtenteils vorbewussten Prozessen der Reproduktion sozial gemachter Ungleichheit dar.

Viele der Neuerungen sind für (potenzielle) Studierende direkt spürbar wie bspw. Studiengebühren und Zulassungsbeschränkungen. Andere hingegen sind ebenso offensichtlich, wirken aber mit einer „symbolischen Verzögerung“ wie etwa die Exzellenzinitiative(n) und ihre Folgen.

Diese relativ klar beschreibbaren Entwicklungen sind jedoch begleitet von viel subtileren Mechanismen, die zunächst nicht „im Verdacht stehen“, die Frage von sozialer Ungleichheit zu berühren. Was ist bspw. daran auszusetzen, wenn eine hohe Qualität der Lehre gefordert und diese deshalb der Evaluation unterzogen wird? Was ist problematisch daran, dass gute Lehre auch symbolisch und materiell in Form von Preisen ausgezeichnet wird? Warum ist es kritikwürdig, dass immer mehr neue Studiengänge Module zu Schlüsselqualifikationen in ihr Curriculum integrieren, wo doch mehr soziale Kompetenz in vielen Perspektiven als wünschenswert erscheint?

Der Vortrag und die Diskussion sollen dazu dienen, genau solchen Fragen nachzugehen und zu zeigen, wie sie in einem Gesamtzusammenhang gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse betrachtet und verstanden werden können.

Dazu wird zu erläutern sein, wie symbolische Gewalt, d.h. die relativ reibungslose Reproduktion sozialer Ungleichheit durch die Verschleierung von Machtverhältnissen, funktioniert und welche Rolle dabei auch die negativ Betroffenen selbst spielen.

Das Konzept von Habitus-Struktur-Konflikten kann darüber hinaus dazu dienen, nicht nur solche subtilen Prozesse, die unter dem Deckmantel von vermeintlicher Qualität und Leistung nach sozialen Kriterien selektieren, sichtbar zu machen. Es kann darüber hinaus zeigen, wie Studierende – nicht nur aus sog. bildungsfernen Milieus – in der Auseinandersetzung mit Strukturen des akademischen Feldes leiden und wie ihr zwangsläufiges Mitwirken an solchen Prozessen zu erklären ist.

Damit kann eine Interpretationsfolie für Vorgänge im und um das akademische Feld zur Verfügung stehen, die zunächst zwar nichts verändert, aber doch wünschenswerte Veränderungen in den Bereich des Denkbaren zurückholen kann.

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