Dienstag, 03. Juli 2007 19.30 – 21.30 Uhr In meinem Kalender speichern

Jour Fixe: Treibstoff für sozialen Ausgleich? Linke Energiepolitik in Lateinamerika

Auf der Galerie... Debatten zur internationalen Politik

Seit in den letzten Jahren in immer mehr Ländern Lateinamerikas linke Regierungen an die Macht gewählt wurden, ist die Debatte um den richtigen Umgang mit den nationalen Rohstoffen zur zentralen Achse der Auseinandersetzung geworden. Die Herausforderungen sind ähnlich: Um die hohen Erwartungen an eine staatliche Sozialpolitik zu erfüllen, sind die Regierungen gefordert, die wichtige Einnahmequelle der Energieressourcen unter staatliche Kontrolle zu bringen. Dabei bleiben sie andererseits auf die Expertise – und die Vermarktungswege – der internationalen Mineralölkonzerne angewiesen. Auf donnernde, hochsymbolische Ankündigungen folgten etwa in Bolivien schwierige Verhandlungen und vorsichtiges Neuaustarieren.

Doch bei der Frage, wie die Länder die vorhandenen Rohstoffe am besten nutzbar machen,gehen die einzelnen Regierungen durchaus unterschiedliche Wege: Während Venezuelas Regierung ihren Weg zum „Sozialismus des 21.Jahrhunderts“ direkt aus den Milliardeneinnahmen der hohen Ölpreise finanziert, sieht Brasiliens Regierung Lula ihr Heil im Ausbau des Bioethanolsektors. Ecuadors – inzwischen wegen einer Kandidatur zur Verfassunggebenden Versammlung zurückgetretener – Energieminister Alberto Acosta hat den Vorschlag erarbeitet, die bedeutenden Erdölvorräte in einem wichtigen Naturschutzgebiet bewusst nicht auszubeuten. Der Gesamtwert der Vorräte wird auf 40 Milliarden Dollar geschätzt – die Regierung, rechnet Acosta vor, kalkuliert 700 Millionen Dollar Reingewinn pro Jahr, wenn sie das Öl fördern würde: „Davon die Hälfte wären 350 Millionen Dollar. Dafür bekommt ihr von uns: keine CO2-Emission, Schutz der Artenvielfalt und der indigenen Völker.“

Keine der verschiedenen Strategien ist widerspruchsfrei. In Brasilien hat die Landlosenbewegung MST Widerstand gegen den großflächigen Ausbau der Bioethanolproduktion angekündigt. Sie sehen in der agroindustriellen Bewirtschaftung riesiger Flächen unter zunehmender Beteiligung internationaler Investoren das gerade Gegenteil der historisch von der linken Regierung Lula eingeforderten Landreform.

In Venezuela kritisieren Linke, durch die einseitige Fixierung auf die Erdölgewinne werde die Stellung des Landes als reiner Rohstofflieferant im Weltmarkt in Abhängigkeit von den westlichen Absatzmärkten, allen vor den USA, nur zementiert.

- Wie sind die verschiedenen Entwicklungswege zu bewerten?
- Welche Chancen bieten sich in der Zusammenarbeit der lateinamerikanischen Regierungen?
- Stehen sich Umweltschutz und sozialer Ausgleich antagonistisch gegenüber?
- Welche Rolle werden die multinationalen Konzerne im
Energiesektor Lateinamerikas in Zukunft spielen, welche Rolle denkt die Linke ihnen zu?

Unsere Gäste:
Carlos Larrea, Universidad Andina Simón Bolivar, Ecuador
Thomas Fritz, Forschungs- und Dokumentationszentrum
Chile-Lateinamerika (FDCL)
Wolfgang Hees, Caritas International
José Enrique Peña, Handelsattaché, Botschaft Venezuelas

Moderation:
Nicola Liebert, freie Journalistin
Flyer (PDF)