Freitag, 07. Dezember 2007 00.00 Uhr – Samstag, 08. Dezember 2007, 00.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Kulturkritik revisited - Reden über unsere Verhältnisse: Konsum, Beziehungen, Bildung

Tagung

In den letzten dreißig Jahren ist einiges in Bewegung geraten: Ehemalige Spontis wünschen sich angesichts einer gefühlten Verrohung bürgerliche Umgangsformen und Leitbilder zurück. Kapitalismuskritiker verstehen die Verlockungen der Warenwelt nicht mehr als Bedürfnislenkung, sondern betonen deren identitätsstiftende Rolle und die Möglichkeiten taktischen Konsums. Männer und Frauen versuchen gemeinsam, abseits des Gender Trouble und der Familienpolitik neue Beziehungsformen und Rollenverteilungen zu entwickeln. Die Verhältnisse sind längst komplexer und widersprüchlicher, als es routinierte Verfallserzählungen an die Wand malen.

Die Grünen waren lange Zeit die Partei der angewandten Kulturkritik – diese bildete das wertkonservative Gerüst der Partei: ein Zurück zu kleinen Einheiten als Gegenbewegung zur Moderne; die Orientierung auf „Weniger ist Mehr“ als Kritik an der Konsumgesellschaft; der Rückgriff auf Erich Fromms „Sein statt Haben“; ein Unbehagen am großen Ganzen. Über die Grünen konnte die Kulturkritik praktisch werden – über Protest wurde sie in die Gesellschaft eingespeist.

In den 90er Jahren wurde dann eine pragmatischere Weltsicht anschlussfähig, die vornehmlich an Problemlösung interessiert war. Nun schien es Konsens zu sein, dass eine von Verdachtsmomenten und Vorurteilen durchsetzte Anklage der Gegenwart, die diese gegen das unbeschädigte Leben ausspielen möchte, notwendig unterkomplex bleibt. Theoretisch vertrat die Kulturkritik keiner mehr, jedenfalls nicht eingestanden. Doch dies sollte sich mit dem 11. September 2001 schlagartig ändern. Düstere Zeitdiagnosen und Werte-Appelle hatten nun wieder Hochkonjunktur.

Heute gibt es Anzeichen zu einer reflexiv erneuerten Kulturkritik: eine Denkhaltung, die den ständigen Wandel der Gesellschaft und die kulturellen Widersprüche akzeptiert und versucht, diesen Wandel zu beschreiben. Pisa-Schock, Demographie-Panik und Ökonomie-Terror sind keine Alarmzeichen, der sie bedingungslos folgen möchte. Bei dieser gleichsam tiefer gehängten Kulturkritik geht es um Veränderungsbegleitung: das Bilanzieren von Verlusten und Gewinnen, die Verschiebung von Balancen. Wenn sie überhaupt einem Grundverdacht unterliegt, dann vielleicht jenem, dass es heute mehr denn je darum geht, Ambivalenzen auszuhalten.

Nicht nur für das grüne Milieu könnte es lohnend sein, sich der kulturkritischen Debatte über unsere Selbst- und Sozialverhältnisse zu stellen. Eine Artikel-Serie in der taz sowie eine 1,5-tägige Veranstaltung in Berlin sollen dafür das geeignete Forum bieten.