Dienstag, 12. September 2006 18.30 – 21.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Lebensrealitäten von muslimischen Frauen in Deutschland - ein Albtraum?

Lesung und Diskussion

Seit einigen Jahren steht "die muslimische Frau" in verschiedensten Debatten im Mittelpunkt. So kann kaum über Integration, Einwanderung, Religonsfreiheit, Parallelgesellschaften etc. gesprochen werden, ohne die besondere Situation von Musliminnen zu betrachten. Wie die Lebensrealität von Migrantinnen tatsächlich aussieht, darüber gibt es großen Streit. Sind Musliminnen gut aufgehoben in einer heilen Welt der islamischen Religion und/oder Großfamilie oder ist das Leben vieler Musliminnen in Deutschland eher ein Albtraum?<br> <br> <b>Seyran Ates</b> kam im Alter von sechs Jahren mit ihrer streng traditionellen Familie nach Deutschland und lebte zuhause ein Leben als eingesperrte Dienerin, während sie in der Schule zu den Besten zählte, sich politisch engagierte, und es bis zur Schulsprecherin brachte. Mit siebzehn hielt sie die Unvereinbarkeit beider Welten nicht mehr aus, lief von zuhause weg, versteckte sich in Wohngemeinschaften, unterstützte in einer Beratungsstelle von Gewalt bedrohte türkische Frauen.<br> <br> 1984 betritt ein Mann das Büro, erschießt eine Ratsuchende und verletzt Seyran Ates schwer. "Wir sind sicher, dass es ein Auftragskiller war. Er kam ganz ruhig herein und ging auch wieder ganz ruhig." Sie braucht Jahre, um sich von dem Attentat zu erholen, studiert dann doch Jura und vertritt heute mehrheitlich Migrantinnen gegen deren Männer. Rund die Hälfte ihrer Scheidungsmandantinnen sind zwangsverheiratet worden. Seyran Ates streitet mit Politikern, verfechtet in Interviews vehement das Kopftuchverbot, und war eine der Vorkämpferinnen für die Gesetzesänderung, die seit 2004 Zwangsverheiratung als besonderes schwere Nötigung ausweist. Ihre Lebensgeschichte erzählt sie in dem Buch "Große Reise ins Feuer". (Rowohlt Berlin 2003).<br> <br> In ihrer eigenen Familie ist die Kulturkreis-Spaltung überwunden: Die Eltern haben nach langer Zeit verstanden, dass Seyran Ates ein freieres Leben gewählt hat. Sie muss nicht länger befürchten, deshalb von ihren Brüdern erschossen zu werden. Nun hat sie selbst eine Tochter, und während des Interviews kümmert sich die Großmutter um die Kleine.<br> <br> <b>Mit</b>:<br> <b>Seyran Ates</b>, Rechtsanwältin (Berlin)<br>
Infoflyer (PDF)