- Dienstag, 12. Oktober 2010 19.00 – 22.00 Uhr In meinem Kalender speichern
Lost in Transition? Serbien – ein Jahrzehnt nach Miloševic
Annäherung an ein schwer verstehbares Land Film und Diskussion
Grüner Salon im Lindenfels:
Zehn Jahre ist es her, dass Serbien sich der Herrschaft des Slobodan Miloševic entledigte. Doch weder dieses Datum des 5. Oktober 2000 noch irgendein anderes Ereignis in der Folge ist ins serbische Bewusstsein als ein Tag des wirklichen Neubeginns eingedrungen. Als einziger Teil der alten Föderation Jugoslawiens ist die Republik Serbien zuvörderst eine übrig gebliebene, nicht eine neu geborene. Sie hat keine »Stunde Null« gesehen, in der sie sich – neben einigen politischen Figuren – auch einer Fülle anderen historisch angesammelten Ballastes hätte entledigen können.
Diejenigen, die den alten Populisten im Oktober 2000 in die politische Wüste schickten, waren sich einig nur in diesem einen Ziel. Schon über die Frage, ob sie ihn auch nach Den Haag schicken sollten, entzweiten sie sich wieder. Sie gruppierten sich in diversen Parteien, was ein der Staatswerdung zuträglicher Prozess hätte sein können – aber da war kein Staat im Werden, er war ja immer schon da. Nach einer Dekade grausamer Kriege und Vertreibungen aber waren dieser Staat und seine Gesellschaft in keiner der für die Zukunft relevanten Fragen mit sich im Reinen. Weder forderte eine Mehrheit der Gesellschaft Rechenschaft darüber, welche Rolle ihr Staat in der Dekade zuvor gespielt hatte, noch wollte der Staat sich der Frage stellen, welche seiner gesellschaftlichen Kräfte das Unheil befördert hatten und warum dies hatte geschehen können.
Wie also, mit wem und auf welcher Grundlage es weiter gehen sollte, wenn schon kein Neubeginn möglich war, darüber wurde kein minimaler Konsens gefunden, auf dessen Grundlage sich die verschiedenen Programme der Parteien hätten entfalten können. Die Frage des Minimalkonsenses selbst wurde zum Streitobjekt der politischen Akteure und ist es bis heute weitgehend geblieben.
Was ist das nun für ein Serbien, das vor fast einem Jahr seinen Beitritt zur Europäischen Union beantragte? Diese Frage soll uns an diesem Abend beschäftigen. Dazu haben wir vor allem junge Stimmen aus diesem Land um Unterstützung bei dieser Annäherung gebeten. Sie gehören nicht zur politischen Klasse, wohl aber zum politisch und intellektuell relevanten Spektrum der Zivilgesellschaft.
Film
»Do vidjenja, kako ste? / Auf Wiedersehen, wie geht‘s Euch?«
Serbien 2008; 60 min, Farbe, OmeU
von Boris Mitic, geboren 1977 in Leskovac, Südserbien.
Im Anschluss Diskussion mit
Jelisaveta Blagojevic, Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Gender Studies, arbeitete an der Universität Novi Sad, der Open University of London, und an der philosophischen Fakultät der Universität Belgrad. Derzeit Lehrerin an der Privatuniversität Singidunum in Belgrad. Gastvorlesungen in Ljubljana und Skopje und
Vladimir Pavicevic, Politikwissenschaftler, Assistent an der politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Belgrad, unterrichtet politische Theorie und Geschichte der politischen Theorien.
Moderation: Wolfgang Klotz, Leiter des Büros der Heinrich Böll Stiftung in Belgrad
Diskussion in englischer Sprache mit Übersetzung bei Bedarf in Flüstergruppe.
Zehn Jahre ist es her, dass Serbien sich der Herrschaft des Slobodan Miloševic entledigte. Doch weder dieses Datum des 5. Oktober 2000 noch irgendein anderes Ereignis in der Folge ist ins serbische Bewusstsein als ein Tag des wirklichen Neubeginns eingedrungen. Als einziger Teil der alten Föderation Jugoslawiens ist die Republik Serbien zuvörderst eine übrig gebliebene, nicht eine neu geborene. Sie hat keine »Stunde Null« gesehen, in der sie sich – neben einigen politischen Figuren – auch einer Fülle anderen historisch angesammelten Ballastes hätte entledigen können.
Diejenigen, die den alten Populisten im Oktober 2000 in die politische Wüste schickten, waren sich einig nur in diesem einen Ziel. Schon über die Frage, ob sie ihn auch nach Den Haag schicken sollten, entzweiten sie sich wieder. Sie gruppierten sich in diversen Parteien, was ein der Staatswerdung zuträglicher Prozess hätte sein können – aber da war kein Staat im Werden, er war ja immer schon da. Nach einer Dekade grausamer Kriege und Vertreibungen aber waren dieser Staat und seine Gesellschaft in keiner der für die Zukunft relevanten Fragen mit sich im Reinen. Weder forderte eine Mehrheit der Gesellschaft Rechenschaft darüber, welche Rolle ihr Staat in der Dekade zuvor gespielt hatte, noch wollte der Staat sich der Frage stellen, welche seiner gesellschaftlichen Kräfte das Unheil befördert hatten und warum dies hatte geschehen können.
Wie also, mit wem und auf welcher Grundlage es weiter gehen sollte, wenn schon kein Neubeginn möglich war, darüber wurde kein minimaler Konsens gefunden, auf dessen Grundlage sich die verschiedenen Programme der Parteien hätten entfalten können. Die Frage des Minimalkonsenses selbst wurde zum Streitobjekt der politischen Akteure und ist es bis heute weitgehend geblieben.
Was ist das nun für ein Serbien, das vor fast einem Jahr seinen Beitritt zur Europäischen Union beantragte? Diese Frage soll uns an diesem Abend beschäftigen. Dazu haben wir vor allem junge Stimmen aus diesem Land um Unterstützung bei dieser Annäherung gebeten. Sie gehören nicht zur politischen Klasse, wohl aber zum politisch und intellektuell relevanten Spektrum der Zivilgesellschaft.
Film
»Do vidjenja, kako ste? / Auf Wiedersehen, wie geht‘s Euch?«
Serbien 2008; 60 min, Farbe, OmeU
von Boris Mitic, geboren 1977 in Leskovac, Südserbien.
Im Anschluss Diskussion mit
Jelisaveta Blagojevic, Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Gender Studies, arbeitete an der Universität Novi Sad, der Open University of London, und an der philosophischen Fakultät der Universität Belgrad. Derzeit Lehrerin an der Privatuniversität Singidunum in Belgrad. Gastvorlesungen in Ljubljana und Skopje und
Vladimir Pavicevic, Politikwissenschaftler, Assistent an der politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Belgrad, unterrichtet politische Theorie und Geschichte der politischen Theorien.
Moderation: Wolfgang Klotz, Leiter des Büros der Heinrich Böll Stiftung in Belgrad
Diskussion in englischer Sprache mit Übersetzung bei Bedarf in Flüstergruppe.