- Montag, 24. Oktober 2011 19.00 – 21.30 Uhr In meinem Kalender speichern
Pionier auf Minensuche
Lesung und Gespräch mit dem chinesischen Dichter Yu Jian
Eine Veranstaltung der Freundinnen und Freunde
Lesung und Gespräch
`Ständig rätsle ich
welche Konsequenzen
meine Worte nach sich ziehen
ständig fürchte ich
ich hätte etwas Verbotenes gesagt
ständig bange ich
ihre Geduld mit mir sei erschöpft
der Weg ist weit wie der Himmel
mit äußerster Vorsicht rücke ich
auf der Zungenspitze vor
ein Pionier auf Minensuche`
Übersetzung: Marc Hermann
In wenigen Worten gibt unser Gast Yu Jian eine kurze, aber sehr präzise Beschreibung der Situation, in der sich Schriftsteller im heutigen China befinden. Yu Jian wurde am 8. August 1954 in Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, geboren, wo er aufwuchs und auch heute noch lebt. Bewusst bezeichnet er sich deshalb als „Heimatdichter“. Die Verwurzelung in seiner südchinesischen Heimat hat ihn in zweierlei Hinsicht geprägt: als eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und als eine gewollte Distanz zur politisch-ideologischen Machtzentrale in Peking. Zum Dichter wurde er in der Kulturrevolution; sein Ansatz ist sprach- und ideologiekritisch. Das Langgedicht „Akte 0“ markiert den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens. Die „Akte“, gerade ins Deutsche übersetzt, ist ein offizielles Dossier, das die Lebensgeschichte eines anonymen Individuums bis in die trivialsten Details hinein dokumentiert. Der Autor entlarvt damit ein in der VR China gängiges bürokratisches Kontroll- und Machtinstrument, offenbart zugleich aber auch die Unfähigkeit des staatlichen Apparates, die individuelle Wirklichkeit zu erfassen. Wenn etwa in einem Kapitel, betitelt „Geschichte einer romantischen Liebe (Jugend)“, ganz unverstellt von den ersten sexuellen Erfahrungen des jugendlichen Protagonisten die Rede ist, dann lautet am Ende die offizielle „Verfügung“ dazu ebenso autoritär wie hilflos: alle 23 obigen Zeilen sind zu löschen / und dürfen nicht kopiert / in Umlauf gebracht / veröffentlicht werden.
Kurzweiliger noch als „Akte 0“ sind manche Kurzgedichte. Besonders bemerkenswert an ihnen sind der Witz und die Ironie, mit denen Yu Jian immer wieder seinen Gegenstand entlarvt.
Lesung und Gespräch
`Ständig rätsle ich
welche Konsequenzen
meine Worte nach sich ziehen
ständig fürchte ich
ich hätte etwas Verbotenes gesagt
ständig bange ich
ihre Geduld mit mir sei erschöpft
der Weg ist weit wie der Himmel
mit äußerster Vorsicht rücke ich
auf der Zungenspitze vor
ein Pionier auf Minensuche`
Übersetzung: Marc Hermann
In wenigen Worten gibt unser Gast Yu Jian eine kurze, aber sehr präzise Beschreibung der Situation, in der sich Schriftsteller im heutigen China befinden. Yu Jian wurde am 8. August 1954 in Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, geboren, wo er aufwuchs und auch heute noch lebt. Bewusst bezeichnet er sich deshalb als „Heimatdichter“. Die Verwurzelung in seiner südchinesischen Heimat hat ihn in zweierlei Hinsicht geprägt: als eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und als eine gewollte Distanz zur politisch-ideologischen Machtzentrale in Peking. Zum Dichter wurde er in der Kulturrevolution; sein Ansatz ist sprach- und ideologiekritisch. Das Langgedicht „Akte 0“ markiert den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens. Die „Akte“, gerade ins Deutsche übersetzt, ist ein offizielles Dossier, das die Lebensgeschichte eines anonymen Individuums bis in die trivialsten Details hinein dokumentiert. Der Autor entlarvt damit ein in der VR China gängiges bürokratisches Kontroll- und Machtinstrument, offenbart zugleich aber auch die Unfähigkeit des staatlichen Apparates, die individuelle Wirklichkeit zu erfassen. Wenn etwa in einem Kapitel, betitelt „Geschichte einer romantischen Liebe (Jugend)“, ganz unverstellt von den ersten sexuellen Erfahrungen des jugendlichen Protagonisten die Rede ist, dann lautet am Ende die offizielle „Verfügung“ dazu ebenso autoritär wie hilflos: alle 23 obigen Zeilen sind zu löschen / und dürfen nicht kopiert / in Umlauf gebracht / veröffentlicht werden.
Kurzweiliger noch als „Akte 0“ sind manche Kurzgedichte. Besonders bemerkenswert an ihnen sind der Witz und die Ironie, mit denen Yu Jian immer wieder seinen Gegenstand entlarvt.
- Veranstalter*in
- Heinrich-Böll-Stiftung - Bundesstiftung Berlin