Dienstag, 31. Oktober 2006 20.00 – 22.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Spielstand 0: Rückzug – Weltbilder und Weltflucht in der zeitgenössischen Kunst

Eröffnungsveranstaltung der Kunst- und Kulturreihe: Spielstand – Kunst : Politik

Die zeitgenössische Kunst lässt sich an einer analytischen Furche in zwei Hälften teilen. Auf der einen Seite steht das Politisieren der vorgefundenen Realität, auf der anderen existieren zwei unterschiedliche Modelle künstlerischen Rückzugs: der Rückzug ins Vertraute und der Rückzug in die Utopie.<br> <br> Zum einen richtet man sich in bekannten Positionen ein, reproduziert nur das, was Erfolg verspricht, kuschelt volkstümlich, um dann gut kalkuliertes, unaufgeregtes Wohlgefallen beim Publikum zu finden. Zum anderen überzeichnet die Kunst ins entgegen gesetzte Extrem. Scheinbar teilnahmslos der Welt abgewandt, werden in kleinen Nischen Utopien gestrickt. Die Band Blumfeld hat dieses wünschenswerte andere Dasein jüngst in der Natur gesucht, während ihre Hamburger Kollegen von Kante und Die Sterne auf eine Politik der ersten Person setzen. Eine Mischung aus privater Befindlichkeitsinspektion und öffentlicher Veränderungsrhetorik gibt hier den Takt vor. <br> <br> Das bekannte Problem bleibt: Explizite politische Gesten werden von der Kritik entweder als „Inhaltismus“ getadelt oder sie reüssieren als unverwechselbarer Markenkern, der allein Aufmerksamkeit garantiert. Die Arbeiten von Jutta Koether im Grenzbereich von Malerei, Poesie, Musik und Performance behandeln dieses Dilemma auf intelligente Art und Weise. Hier treten inhaltliche Anliegen hinter die formalen Experimente zurück, ohne ihren Status als Orientierungshilfe zu verlieren. Und überraschenderweise stammt ausgerechnet von Jonathan Meese, dessen kruden Privatkosmos man leicht als eskapistisches Prinzip deuten könnte, die emphatische Gleichung: „Kunst ist das größte, menschlichste und erhabenste politische Spiel.“<br> <br> Wie steht es um das komplizierte Verhältnis von künstlerischer Autonomie und politischer Teilhabe? Wie gefährlich ist die Tendenz der Kulturindustrie, Widerständiges als Radical Chic zu neutralisieren? Und wann ist ein Rückzug – verstanden als eine bewusste Distanznahme – ganz einfach geboten?<br> <br> Teilnehmer:<br> <br> <b>Jutta Koether</b> (Künstlerin, Journalistin)<br> <b>Markus Müller</b> (Berlin Biennale)<br> <b>Frank Spilker</b> („Die Sterne“)<br> <b>Peter Thiessen</b> („Kante“)<br> <br> Moderation: <b>Peter Kees</b><br> <br>