Dienstag, 07. November 2006 20.00 – 22.00 Uhr In meinem Kalender speichern

Spielstand 1: Klasse(n) Theater! – Wie kommt das Soziale auf die Bühne?

Diskussion und Lesung

Das Theater, ob als moralische Anstalt oder amoralisches Refugium, fand als gesellschaftlicher Seismograf seine eigentliche Bestimmung. Schauspieler schöpften aus dem prallen Leben und machten street credibility schließlich zur künstlerischen Tugend.<br> <br> Aufgrund dieser genuinen Nähe zur sozialen Wirklichkeit kann es nicht verwundern, dass auch aktuelle gesellschaftspolitische Fragen in neuer Brisanz auf der Bühne abgebildet werden. Mittlerweile kann von einer regelrechten Renaissance des politischen Theaters gesprochen werden. Ob nun die Gruppe Rimini-Protokoll mit ihrem dokumentarischen Ansatz oder jene Roadshow-Projekte, bei denen die Inszenierungen auf urbane Lebensräume und „ echte“ Milieus übergreifen – sie alle sind an einer Ausweitung des theatralischen Terrains und einer Neudefinition seiner Mittel interessiert. <br> <br> Andres Veiel lieferte mit dem Stück bzw. Film „Der Kick“ den ethnografischen Bericht einer Gewalteskalation, während Kathrin Röggla und René Pollesch ihre Recherchen in den Kältezonen des Spätkapitalismus zu einem spielerisch-anspruchsvollen Diskurs-Theater verarbeiten.<br> <br> Darüber hinaus boten Volker Löschs Bearbeitungen von Dogville in Stuttgart und Die Weber in Dresden gleichsam unverstellte Gesellschaftskritik alter Schule. Löschs Ansatz bildet dabei einen Schnittpunkt zwischen sozialer Vorlage und dramaturgischer Umsetzung – die Schauspieler selbst sind die aufbegehrenden Verlierer. So prägt denn auch die Abstiegsangst durch Hartz IV längst die Kunst – die Grenzen zwischen, hinter und auf der Bühne verschwimmen.<br> <br> Besteht womöglich auch eine Gefahr darin, dass sich das Theater zunehmend diesem Handlungsdruck unterwirft? Hat etwa Boris Groys mit seiner Kritik Recht, dass die Ästhetisierung von Alltag letztlich zu einer Versöhnung mit dem Status quo führt? Und wo finden sich auch hinter der Bühne Strategien dafür, wie gesellschaftlichen Tendenzen zur Entsolidarisierung effektiv begegnet werden könnte? <br> <br> <br> Teilnehmer:<br> <br> <b>Andres Veiel</b> (Regisseur)<br> <b>Rimini-Protokoll</b> (Regie-Kollektiv)<br> <b>Kathrin Röggla</b> (Autorin)<br> <b>Leopold von Verschuer</b> (Schauspieler)<br> <br> Moderation: <b>Dirk Pilz</b><br> <br>