- Donnerstag, 01. Dezember 2005 19.00 – 22.00 Uhr In meinem Kalender speichern
Vortragsreihe: Demographischer Wandel als „Problem“
Zur Verknüpfung von Familien- und Geschlechterpolitik im deutschen Wohlfahrtsstaat seit den 1970er Jahren
Eine Integration von Familien- und
Geschlechterpolitik zeichnete sich schon in
den sozialpolitischen,
familiensoziologischen und demographischen
Analysen und Debatten der 1950er ab, so
z.B. im Kontext der Debatten um die
anstehenden Sozialreformen, insbesondere
der Reformen der sozialen
Sicherungssysteme, wie der Alterssicherung.<br>
Wie Helmut Schelsky oder Renate Mayntz so
beschreibt auch Karl Martin Bolte Mitte der
1950er Jahre das neue „individualisierte“
Muster der Eheschließung und
Familiengründung als Trend, der sich früher
oder später verallgemeinern würde und auf
den deshalb die Sozialpolitik reagieren
müßte. Die Frauen galten den drei
Soziologen als wichtige Träger des Wandels
hin zur individualisierten Familie. Für
Bolte, der als Schüler und Mitarbeiter
Mackenroths den sozialpolitischen
Reformprozess der 1950er Jahre aktiv
mitbegleitete, folgte allerdings aus der
Individualisierung der Familiengründung die
Forderung, das Ernährer-Modell, das ihm
zufolge anders als das Zweiverdiener-Modell
erlaubte, Ehe und Familie individuell zu
gestalten und zu leben, zu stärken. Diese
sozialpolitische Stärkung sollte dann auch
in den folgenden beiden Jahrzehnten
erfolgen. Einen Höhepunkt und zugleich
Wendepunkt in der Weiterentwicklung des
Ernährer-Modells bildete Mitte der 1970er
Jahre die Auseinandersetzung zwischen CDU
und SPD um die „neue soziale Frage“ bzw. in
SPD-Perspektive um die „neue Armut“.
Während sozialdemokratisch gesinnte
Sozialpolitiker auf die Armutsrisiken der
verschiedenen „Sondergruppen“ am
Arbeitsmarkt, insbesondere der atypisch
beschäftigten Frauen, verwiesen, behauptete
Heiner Geißler, die eigentliche
Ungleichheit bestünde zwischen den von den
Gewerkschaften vertretenen Arbeitnehmern
und Arbeitnehmerinnen (und seien sie noch
so prekär beschäftigt), einerseits, und den
nicht-erwerbstätigen Müttern, die über
keinerlei Machtressourcen verfügten,
andererseits. Rita Süßmuth kam ins Spiel
und sorgte für das 1986 in Kraft getretene
Erziehungszeitengesetz, das die
Erziehungsarbeit nun auch der nicht
erwerbstätigen Mutter anerkennen sollte.
Süßmuth entwarf und etablierte ihre Politik
damals gegen den feministischen Einwand, so
während des Bremer Soziologentags, dass es
nicht nur keinen Zusammenhang, sondern
möglicherweise sogar einen Konflikt
zwischen den Interessen von Frauen und den
Interessen der Familie und der Kinder
gäbe.<br><br>
Vortrag von <b>Prof. Dr. Ilona Ostner</b> ,
Georg-August-Universität Göttingen
Homepage der Veranstaltungsreihe
- Veranstalter*in
- Landesstiftung Mecklenburg-Vorpommern