- Mittwoch, 12. Mai 2010 19.00 – 21.00 Uhr In meinem Kalender speichern
Zwischen Gesellschaftskritik, Trenddiagnose und utopischer Konstruktion
veranstaltet von `Rosa Luxemburg Stiftung`
Das Sozialismuskonzept des Naturwissenschaftlers Robert Havemann. Reihe «Marzahner Gesellschaftspolitisches Forum»
`Die heutige Überprüfung seiner Parteiangelegenheit ergab, dass Genosse Robert Havemann zum damaligen Zeitpunkt politisch richtige Einschätzungen und Wertungen der Politik der Partei vorgenommen hat. Er wird posthum rehabilitiert.` Mit diesem Beschluss korrigierte die SED am 28. November 1989 nicht einfach nur irgendeine Fehlentscheidung. Er war das späte Eingeständnis der Unterdrückung Andersdenkender, wenn deren Gedanken nicht ins Schema des eigenen ideologischen Dogmas passten.
Aus Anlass des 100. Geburtstages des Physikochemikers und Philosophen Robert Havemann (11. März 1910 - 9. April 1982) referiert im Gesellschaftspolitischen Forum Marzahn der Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Hubert Laitko über das Sozialismuskonzept von Robert Havemann. Er schließt damit an den im März von Dr. Alfred Neubauer gehaltenen Vortrag `Forschen unterm Fallbeil - Der Überlebenskampf des in der NS-Zeit zum Tode verurteilten Physikochemikers Robert Havemann` an.
Nach der Befreiung aus
dem Zuchthaus Brandenburg-Görden und dem Ende des Krieges wurde
Havemann zunächst die Leitung des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts
für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem, dann die
Leitung einer Forschungsabteilung dort übertragen. Als er sich jedoch
am 5. Februar 1950 im `Neuen Deutschland` unter dem Titel `Trumans
großer Theaterdonner` gegen die Wasserstoffbombe der USA wandte,
entließ ihn der Westberliner Senat fristlos. Noch im selben Jahr wurde
er zum Direktor des Instituts für physikalische Chemie an der
Humboldt-Universität berufen. Er gehört zu den Mitbegründern des
Kulturbundes, für den er auch von 1950 bis 1963 Mitglied der
Volkskammer war. Havemann war Antifaschist, Todeskandidat, `Aktivist
der ersten Stunde`, Stalinist - und wandelte sich nach 1956 zum Rebell
und Dissidenten gegen die stalinistisch-ideologische Verknöcherung des
Gesellschaftssystems der DDR, in der er schließlich zum `Staatsfeind`
erklärt wurde. Als Havemann im September 1962 auf einer Leipziger
Konferenz erklärte: `Mit der materialistischen Dialektik wird das
Knechtschaftsverhältnis zwischen Wissenschaft und Philosophie
aufgehoben. Weder hat die Wissenschaft die Aufgabe, die Sätze der
Philosophie zu bestätigen, noch ist die Philosophie der geistige und
ideologische Wächter über die Irrungen und Wirrungen der Wissenschaft`,
war das für die SED-Oberen ein Angriff auf ihre ideologischen
Grundfesten: den Marxismus-Leninismus als theoretische Grundlage der
Partei und ihres Führungsanspruchs. Es folgten Ausschluss aus der SED,
Entzug des Lehrauftrags, Diffamierung, Ausgrenzung, Isolierung,
Hausarrest. Robert Havemann blieb bei alledem er selbst:
Naturwissenschaftler und Sozialismustheoretiker, Kommunist und
demokratischer Sozialist - und das war für ihn eine Einheit. [...]